Dank für das Rockoratorium „Hiob“

Im Vorfeld gab es viel Streit, viel Skepsis wegen der Aufführung. Lohnte sich der Aufwand von Zeit, Energie und Geld? Wäre die Kantorei nicht mit dem Projekt überfordert? Im GKR waren die Meinungen kontrovers.
Chormitglieder und Christoph Wilcken haben gekämpft, haben Kraft und Geld eingesetzt, damit das Projekt verwirklicht werden konnte. Davon beeindruckt konnte auch der GKR seine Zustimmung nicht mehr verweigern. Und das war gut so! Etwa 750 Menschen wären sonst um ein wirklich faszinierendes Erlebnis gekommen.
Christoph Wilcken und mit ihm die Mitglieder der Kantorei haben unzählige Stunden mit dem Einüben der schwierigen Stücke verbracht. Es war eine große Herausforderung, die im Ergebnis Hervorragendes zu Gehör brachte. Matthias Witting hat das Buch Hiob bemerkenswert in Musik und Szenen umgesetzt, die Mitwirkenden waren eine gelungene Besetzung.
Es war eine wirklich beeindruckende Aufführung zu einem biblischen Buch, dem meistens viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Dabei wäre viel daraus zu lernen. Als Beispiel nenne ich Worte aus der 3. Szene. In der Übersetzung von Buber und Rosenzweig lauten sie:
„Nackt bin ich aus dem Leib meiner Mutter gefahren, nackt kehre ich wieder dahin. ER ist’s, der gab, und ER ist’s, der nahm, SEIN Name sei gesegnet!“ Dazu in Szene 5: „Das Gute empfangen wir von Gott – und wollen das Böse nicht empfangen?“
In diesen beiden Versen ist für mich zusammengefasst, worum es bei Hiob geht. Vordergründig mag die Frage, warum Gott das Leiden eines Gerechten zulässt, eine Rolle spielen. Doch viel mehr geht es darum, wie ein Mensch sich im Leiden verhält, woraus er Kraft zum Durchhalten schöpfen kann. Die meisten Menschen fragen nur im Unglück danach, womit sie das verdient haben, nicht aber, wenn ihnen Gutes widerfährt. Hiob gibt da ein anderes Beispiel.
So weit, so gut, so lehrreich das Buch Hiob. Was mich jedoch irritiert ist das Ende der Geschichte, das „Happy End“. Am Anfang hatte Hiob seine 7 Söhne und 3 Töchter verloren, am Ende bekommt er wieder 7 Söhne und 3 Töchter. Können verstorbene Kinder so einfach durch neue ersetzt werden? Ich kann mir das nicht vorstellen.
Sogar wenn Gemeindeglieder plötzlich wegbleiben oder eingesegnete Konfis verschwinden, kann ich nicht einfach sagen: „Na, dafür gibt es wieder neue!“ Die Entschwundenen, die mir vertraut waren, zu denen sich eine Beziehung entwickelt hatte, vermisse ich trotzdem. Wenn das schon auf der Ebene so ist, sollte da der Verlust von leiblichen Kindern nicht sehr viel schlimmer und sehr viel weniger ausgleichbar sein?
Hier sind wir wohl wirklich an einem märchenhaften Zug der Geschichte angelangt. Da geht es nur noch darum, dass es am Ende Hiob mindestens ebenso gut geht wie am Anfang. Ja, der Reichtum des Anfangs wird zur Belohnung für seine Haltung noch übertroffen.

Eine anrührende Parallele zu Hiob ohne das märchenhafte Ende finde ich in dem „Testament“ von Josel Rakower. Er sitzt in einem bombardierten Haus im brennenden Warschauer Ghetto kurz vor der Niederschlagung des Jüdischen Aufstands. Rakowers Frau und fünf Kinder haben deutsche Bajonette und Kugeln getötet, der 13jährige Sohn Jakob ist an Schwindsucht gestorben.
Einen „Hiob des 20. Jahrhunderts“ hat ihn der Dichter Roman Brandstaetter genannt. Brandstaetter brachte Josel Rakowers Testament in Strophen nach biblischem Vorbild. Hier der Schluss des „Großen Bekenntnisses“:

(Zitiert aus „Hiob 1943 – Ein Requiem für das Warschauer Getto“, ausgewählt und herausgegeben von Karin Wolff, Berlin (DDR) 19842, S. 274 ff.)

Josel Rakower rechtet mit Gott

Sei gepriesen, Herr,
dass Du mich zu einem Sohn Israels gemacht hast –
einem Sohn des unglückseligsten
aller Völker der Erde.

Ich glaube an Dich –
Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs –
obwohl Du alles getan hast,
damit ich nicht an Dich glaube.

Ich glaube an dein Gesetz,
obwohl Deine Taten
aller Gerechtigkeit bar sind.

Sag, Herr,
was willst Du noch gegen uns tun,
bevor Du Dein Antlitz
uns wieder zukehrst?

Dürfen es nicht wissen –
die Gequälten
Erniedrigten
lebendig Begrabenen
Geschändeten
Verbrannten
Bespienen –
wie lange Dein Zorn währt?

Herr, Herr!
Bist Du unser Gott?
Bist Du der Gott der Mörder?

Herr, in den Bitternissen meiner Seele
Kann ich nicht das Böse rühmen,
das du meinem Volk antust.
Doch ich rühme Deine Größe,
die entsetzlich ist, machtvoll und unbeirrt.
Denn das Leiden,
das Du uns auferlegt,
hat Dich nicht verringert
noch ins Wanken gebracht.

Herr, ich kam auf die Welt,
um an Dich zu glauben
und deine Gebote zu halten
und deinen Namen zu ehren –
Du aber hast alles getan,
damit ich nicht an Dich glaube.

Doch Du bringst mich nicht von meinem Weg ab,
o Du mein Gott,
Gott meiner Väter!
Nie und nimmer soll Dir das gelingen!
Du nahmst mir die Frau und die Kinder und das Haus und die Habe –
Du machtest mich zum Fetzen Fleisch,
unter tolle Hunde geworfen,
Du brandmarktest mich mit dem Mal der Schande.
Aber ich höre nicht auf, an Dich zu glauben,
und ich werde Dich lieben
Dir selber zum Trotz,
Deinem Willen zum Trotz –
GOTT,
der Du alles getan hast,
damit ich an Dir zweifle.

SCHEMA ISRAEL, ADONAJ
ELOHENU, ADONAJ ECHAD!*

* Jüdisches Glaubensbekenntnis,
5. Mose 6,4-9.

Dietrich Müller

(gelesen: 619 mal, heute: 2 mal, zuletzt: 7. Februar 12)

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