Uruguay

© Stephan Schaar
Veröffentlicht von Stephan Schaar am Mo., 21. Jan. 2019 17:06 Uhr
Studienreise

18. Januar 2019

Was will ich hier eigentlich?
Ich suchte, das Ferne kennenzulernen - aber mit einer gewissen Scheu davor, daß das Unbekannte eine zu große Herausforderung darstellen könnte.
Also wählte ich einen Studienort, der einerseits ca. 12000 km von Berlin entfernt ist, andererseits jedoch als “vergleichsweise europäisch” gilt, was beispielsweise die medizinische Versorgung anbelangt.

Ich wählte eine Gemeinde und Kirche, die nicht nur vom evangelischen Bekenntnis - in unierter Ausprägung - her, sondern auch und vor allem sprachlich-kulturell mit unserer EKD verbunden ist. Zugleich jedoch wählte ich eine Gemeinde und Kirche, die sich durch eben diese Faktoren in einer doppelten Minderheitensituation befindet; denn hier spricht man Spanisch, und die Mehrheitsbevölkerung ist katholisch.
Bevor ich den sozioökonomischen und  kulturellen sowie theologischen und organisatorischen Fragen nachgehe, die mich beschäftigen, will ich die allerersten Eindrücke schildern:

Vor dem Abflug
Absprachen über konkrete Tätigkeiten in der Gemeinde waren getroffen, Unterbringungsfragen spät, aber gründlich geklärt. In den letzten Monaten habe ich mich eifrig bemüht, meine eingerosteten Spanischkenntnisse zu reaktivieren. Mein Eindruck war, daß es mir einigermaßen gelingt, schriftlich zu kommunizieren, daß aber das Sprechen und - vor allem - Hören und Verstehen eine Hürde sein würde. Man wird sehen, ob sich das im Laufe der Zeit tatsächlich bessert!

Die Anreise
Am Ende eines Tages, an dem ich um 4 Uhr früh aufgestanden war, um gegen 5 Uhr beim Flughafen Tegel einzuchecken, wurde ich um 23 Uhr Ortszeit - d.h. 23 Stunden nach meinem Tagesbeginn - am Flughafen Montevideo von Jerónimo Granados und der früheren Präsidentin der CEAM abgeholt und zum Pfarrhaus chauffiert, wo ich nur noch das Bedürfnis nach Schlaf hatte.
15 Stunden hatte ich in insgesamt 3 Flugzeugen zugebracht, davon allein 11 auf der Strecke von Paris nach São Paulo. Nach drei Kinofilmen, die immerhin wenigstens beinahe die halbe Zeit in Anspruch genommen haben, hatte ich das Gefühl, meine Augen seien entzündet; an Lesen war der Müdigkeit wegen ohnehin nicht zu denken.

Angekommen

Nach einem gemeinsamen Frühstück mit Pastor Granados und der Regelung einiger praktischer Fragen gab es ein ausführliches Gespräch zu zweit mit allerhand Informationen über die Deutsche Evangelische Gemeinde in Montevideo, welche in Jerónimo Granados zum ersten Mal einen Pfarrer hat, der zwar gut Deutsch spricht, aber was die Herkunft anbelangt keinerlei Verbindungen zu Deutschland hat - ein Umstand, der beiden Seiten viel abverlangt hat an Auseinandersetzung mit Gewohnheiten, die teils unter Schmerzen aufgegeben werden mußten.
Für dieses Gespräch hat sich Pastor Granados, der mich am Vortrag wie einen alten Freund begrüßt hatte und sehr herzlich bei sich aufgenommen hat, recht viel Zeit genommen. Nach meinem Eindruck ist dies zwei Umständen zuzuschreiben: Zum einen hat er viel zu erzählen und freut sich anscheinend über die Möglichkeit, sich mit einem Kollegen austauschen zu können. Zum anderen erfuhr ich heute (!), daß er morgen (!) in Urlaub fährt, um seinen Sohn im Süden Argentiniens zu besuchen und zugleich Zeit mit seiner Frau zu verbringen, die als Professorin in Buenos Aires lebt, weil ein Wechsel nach Uruguay für sie zu kompliziert geworden wäre und nur noch 3 Jahre bis zum Eintritt in den Ruhestand verbleiben.

Erste Orientierung
Ich lernte auch seine eigentlich in Buenos Aires lebende, perfekt Deutsch sprechende Tochter kennen - eine Lehrerin, die in den Ferien zu Besuch gekommen ist - und traf außerdem einen jungen deutschen Organisten, der seit Mitte November in Montevideo weilt und mit dem mir zwei gemeinsam zu gestaltende Gottesdienste bevorstehen.
Danach stand eine erste Erkundung der Stadt auf dem Programm: ein Spaziergang bis zum Tourismusbüro, das ich nicht fand. Aber die hilfsbereiten Mitarbeiterinnen des Theaters Solis gaben mir, was ich eigentlich wollte, nämlich einen Stadtplan, und ich konnte, nett mit ihnen ins Gespräch kommen, eine der jungen Damen, die sich als evangelisch outete, gleich in den spanischsprachigen Gottesdienst einladen, den ich am 10. Februar halten werde.
Ganz anders, als ich vermutet hatte, hat Montevideo städtebaulich eine tatsächlich sehr europäische - will sagen: spanische - Anmutung: Es gibt zwar auch Wolkenkratzer, aber diese dominieren das Stadtbild keineswegs. Die Kirche und das angrenzende Pfarrhaus der CEAM liegen zentral in einer bemerkenswert ruhigen Straße. Wenn ich aus meinem Gästezimmer, das in der ersten Etage gelegen ist, aus dem Fenster blicke, sehe ich auf das üppige Grün des die Kirche und das Pfarrhaus umgebenden Gartens.
Und doch ist es nicht so europäisch hier, wie die Architektur suggeriert. In unserem allerersten Gespräch heute morgen war bereits von finanziellen Fragen sowohl der Kirche als Organisation wie auch der Pfarrerinnen und Pfarrer die Rede - unter besonderer Berücksichtigung einer nicht wirklich diesen Namen verdienenden Alterversorgung.

19. Januar 2019

Geld spielt keine Rolex


Diese tempelartige Kirche, “St. Trinity”, die von den Anglikanern erbaut wurde, diente früher auch den anderen Protestanten für ihre Gottesdienste (da die Regierung keinen zweiten nichtkatholischen Kirchbau in Montevideo duldete) - und so auch der deutschen protestantischen Gemeinde.
Am Geld also lag es nicht, daß die Kirche in der Calle Juan Manuel Blanes erst später errichtet wurde. Und ans Geld, so will mir scheinen, mochte weder der letzte deutsche Pfarrer noch seine Gemeindeglieder viele Gedanken verschwenden. Resultat: 3 Mio. Schulden bei der IERP, die auf 15 Jahre abzustottern sind. Also sind das ja gar keine Schulden, sondern eine Art Ratenkauf. Von was eigentlich? - Nun, in der Vergangenheit wurde mit Honoraren nicht gegeizt. Nicht nur mehrere Personen, die im Büro tätig waren, wurden bezahlt. Es ging sogar so weit, daß ein Musiker, der aus eigener Initiative einen Posaunenchor gründete, sogleich zum Honorarempfänger wurde - und seine Schüler gleich dazu!
Auf der Einnahmenseite hingegen sah es düster aus: Jerónimo Granados berichtete mir von dem mühsamen Weg, die Mitglieder zur ordentlichen Zahlung ihrer Beiträge zu bewegen, und dem noch viel steinigeren Weg dahin, von Kirchenfremden für Amtshandlungen angemessene Gebühren zu erheben - so etwa für Taufen von Kindern (katholischer) lediger Mütter oder Trauungen von (gern auch katholischen) Paaren, bei denen ein Partner bereits eine Scheidung hinter sich hat.
Von den 40.000 $ (uruguayische Pesos), die mein Amtsbruder monatlich verdient, geht die Hälfte nach Argentinien, wo sich die IERP zentral (weitaus besser als staatliche Stellen) um das Ruhegehalt der Pfarrerinnen und Pfarrer kümmert. Etwa 25% des Gehalts fließt als Steuerzahlung kurioserweise ebenfalls nach Argentinien, und zwar nicht deshalb, weil J.G. Argentinier ist, sondern weil die lediglich drei Gemeinden der IERP in Uruguay bislang unter dem Radar des Staates liefen und laufen. Es verbleiben - mietfrei - umgerechnet knapp 550 € zum Leben; kein Wunder, daß der Pfarrer darauf besteht, daß die Gemeinde endlich ein (lange schon in Aussicht gestelltes) Auto kauft und ihm zur dienstlichen Verfügung stellt!

Der Tote am Strand

Heute war ein strahlend schöner Sommertag, den ich zu ausgiebigen Spaziergängen genutzt habe, um mich am Sommer zu erfreuen und natürlich auch in der Stadt zu orientieren. Also ging ich hinunter zu den Ramblas, die sich kilometerweit am Ufer des Río de la Plata erstrecken - zuerst in Richtung Altstadt, vorbei an der Botschaft der USA.
Auf der Höhe der deutschen Botschaft (die ich deswegen erst später auf der Karte wahrnahm) befand sich eine Neugier erweckende Ansammlung von Polizisten. Ein Blick aus sicherer Entfernung ergab die Erkenntnis: “Dort liegt ein Toter.”
Sogleich folgte die Überlegung: “Das hast du zuhause noch nie gesehen: Ein potentielles Mordopfer - vielleicht auch nur ein Unglückseliger, der einen Unfall erlitt.”

So anders ist diese Stadt denn eben doch, mag sie auch noch so europäisch wirken und von Menschen bevölkert sein, die sich nur wenig in Habitus und Kleidung von dem unterscheiden, was einem auf Berliner Straßen ins Auge fällt.
A propos: Ins Auge gefallen ist mir nebenstehendes Monument bei meinem nachmittäglichen Spaziergang in östlicher Richtung. Da befindet man sich “am anderen Ende der Welt” - und doch ist auch hier die unselige deutsche Geschichte präsent. Und da fällt mir wieder ein, was ich natürlich irgendwie wußte, aber nicht präsent hatte: nach Südamerika sind allzu viele Nazis entkommen, um sich ihrem gerechten Urteil zu entziehen - und sie folgten teilweise jenen, die sie aus Deutschland vertrieben hatten (und die so zumindest am Leben blieben).

20. Januar 2019

Die Armut trabt

Sonntag. Da Ferien sind, gibt es keinen Gottesdienst. Jerónimo ist in Buenos Aires - ich bin mit der Katze allein im Haus. Nach einem frühen Frühstück fahre ich mit dem Bus zum Deutschen Ruderclub. Ich hatte gefragt, wie ich zum “Delta del Tigre” komme, und zur Antwort erhalten, ich solle mit dem Bus 127 oder dem Bus 495 bis zur Ruta 1, km 26 fahren. Ich nehme trotzdem den Bus der Linie 494, nachdem ich den Fahrer gefragt habe, ob der auch dorthin fährt. Er fährt dorthin -allerdings hält er an jeder Milchkanne, und nach kurzer Zeit ist er überfüllt mit auffallend vielen Kleinkindern.

Als ich bei km 26 aussteige, weiß ich sofort, daß ich besser vor der Brücke ausgestiegen wäre. Also laufe ich die 5 Kilometer zu Fuß zurück und finde dann tatsächlich den Ruderclub. Zuvor aber wird meine Aufmerksamkeit von den Lumpensammlern in Anspruch genommen, die zu dritt - Vater und Sohn und ein Kleinkind - auf einem Pferdekarren unterwegs sind und an jedem Müllcontainer Halt machen um zu nachzusehen, ob für sie etwas Verwertbares darin zu finden ist.

Nadie habla alemán

Hinter der Brücke links, da ist es gleich. Tatsächlich finde ich mehr als 2 Stunden nach meinem Aufbruch den DRVM, gegründet vor 97 Jahren, geschmückt mit den Farben der Kaiserzeit: schwarz-weiß-rot.  Mir wird Einlaß gewährt, nachdem ich -wahrheitsgemäß - auf die Frage, ob ich Mitglied sei, antworte, daß ich mit der Sekretärin (erst ergebnislos auf Deutsch, und dann erfolgreich auf Spanisch) korrespondiert habe und diese mich willkommen geheißen habe. Der Trainer hat nicht sofort für mich Zeit, aber ohne ihn geht es nicht.  Dann bietet er schließlich an, ich könne 20 Minuten rudern. Na, dann lieber warten, sage ich. OK, dann bis Dienstag, sagt er. Na, dann lieber wenig als heute gar nicht rudern, denke ich. Ich sitze am Ruder, er am Steuer eines sehr gemütlichen - wir würden sagen: - Verlobungs-Einers. Nach der Proberunde ist er von meiner Fähigkeit zu rudern so überzeugt, daß ich ohne ihn noch einmal losfahren darf und wenigstens 6 km in der prallen Sonne zurücklege.  Das ist nicht der Gesundheit förderlich, aber ich bin glücklich - auch, daß ich die Widrigkeiten der Anreise überstanden und es vermocht habe, mich mit den Einheimischen zu verständigen, die ein sehr sehr gewöhnungsbedürftiges Spanisch sprechen. Der Witz des Tages ist, daß unter all den freundlichen Leuten im Club Alemán de Remo Montevideo niemand, aber auch wirklich niemand Deutsch spricht.

Auf dem Rückweg nehme ich einen Bus der Linie 127. Er fährt durch mir unbekannte Straßen. Schließlich hält er an und fordert die letzen Fahrgäste auf auszusteigen - darunter auch mich. Wir sind in einer mir unbekannten Gegend von Montevideo, denke ich - bis ich ein auffälliges Gebäude wiedererkenne. Ich bin am Hafen, mehrere Kilometer von “zuhause” entfernt. Aber das hatten wir heute ja schon einmal...

21. Januar 2019

Leere Straßen voller Bäume

Es mag an den Ferien liegen - das bekomme ich sicher noch heraus -, aber mir fällt auf, wie wenig Verkehr in der Hauptstadt fließt. Ich schränke ein: abgesehen vom Sonntagabend an den Ramblas, wo sich, wie auch in den Parks, viel Volk aufhält und vergnügt, teils auch schon mit Samba-Rhythmen auf die Carnavales einstimmt.
Wenige Autos (darunter tatsächlich auch Oldtimer wie der legendäre Käfer oder die sagenhafte Ente) sowie jede Menge Platz zum Parken unterscheidet Montevideo sehr deutlich von - sagen wir: - Madrid. Nicht nur dieser Umstand ist erfreulich, sondern auch, daß hier sehr viele Straßen unter einem Laubdach aus Platanen angenehmen Schatten bieten. So wirken viele Straßenzüge wie verträumte Vorstadtgassen, obwohl sie nicht weit von Zentrum liegen.

Arbeiten, um zu leben

Eine neue Frage wird mir wichtig im Hinblick auf das kirchliche, familiäre und Vereinsleben: Wann hat man hier eigentlich mal Zeit für gemeinsame (Freizeit-)Aktivitäten? Wann trifft sich Familie, wie richtet man es ein, am Gemeindeleben teilzunehmen oder Termine des Sportvereins mit anderen zu koordinieren?
Schon am gestrigen Morgen war mir aufgefallen, daß ausgerechnet am Sonntag der Müll abgeholt wird - wobei mir zusätzlich auffiel, daß in dem Team, dem ich über den Weg lief, eine Frau mitarbeitete.
Gegen Abend dann tätigte ich - ganz gegen meine Gewohnheit und Überzeugung - einen kleinen Einkauf, nachdem ich festgestellt hatte, daß nicht nur “Spätis”, sondern auch ganz normale Lebensmittelläden geöffnet haben, und zwar Montag bis Sonntag ohne Unterschied von 8 Uhr morgens bis 10 Uhr abends.

22. Januar 2019

A place to be - Der Pradopark

Als eine der touristischen Attraktionen hatte man mir im Tourismusbüro das Prado-Viertel angepriesen. Also heute mal ein wenig Sightseeing! Vorbei am Präsidentenpalast fahre ich mit dem Bus bis zum “Bach”, der den Pradopark durchzieht, aber in Wahrheit ein in Beton gegossener Abwassergraben ist. Liebespaare lagern auf der Wiese, Sportler machen Übungen oder ruhen sich von ihren Anstrengungen aus. Was man hier nicht sieht - denn ich wollte nicht riskieren, verprügelt zu werden -, sind die improvisierten Behausungen von sehr armen und verwahrlost wirkenden Menschen, die sich gleich schräg gegenüber dem Botanischen Garten befinden.

Wir können auch anders

Tatsächlich gibt es auch Sehenswürdigkeiten wie etwa die Skulptur “La Diligencia”, die ich nicht unterschlagen möchte.

Was mich aber weitaus mehr beeindruckt, sind die so offen zutage tretenden sozialen Gegensätze - ich sage das, obwohl wir uns in Berlin ja längst an den Anblick von Bettlern und Obdachlosen gewöhnt haben und es im Sommer zumindest auf den ersten Blick nicht ganz so kraß wirkt, sein Haupt auf ein Kissen zu betten, das dem Anschein nach in irgendeinen Hauseingang gelegt wurde.

Aber es geht auch anders, wie ich auf meinem irrwitzigen kilometerlangen Fußmarsch durch den Nordwesten Montevideos staunend wahrnehmen konnte. Gebäude, in denen die Leitung der Marine residiert, etliche Seniorenresidenzen und sicher auch von “ganz normalen” Reichen bewohnte Paläste gab es da zu sehen - hinter hohen Zäunen zumeist. Als ich auf Heimweg den Hafen passierte, sah ich Familien, die ganz offensichtlich in Abrißhäusern hausen - spielende Kinder, streunende Hunde, Erwachsene mit leeren Blicken. Kurz vor “Zuhause” - nach ungezählten Kilometern durch die Stadt - sah ich dann die prächtige Hauptkirche der Methodisten, denen es Jerónimo zufolge zu “danken” ist, daß das ökumenische theologische Institut in Buenos Aires, dem er einst vorstand, keinen Bestand haben konnte; die Methodisten haben ihre eigene Ausbildungsstätte und sind auf Expansion aus, urteilt er.

Es geht noch schräger


Ich bin nicht hineingegangen, obwohl die Tür offen stand. Aber es waren gegen 20 Uhr noch immer 27°C, und ich war durstig und erschöpft. Doch ein Foto mußte sein. Da steht tatsächlich “Show des Glaubens”, und man ahnt, was da präsentiert und vor allem verkauft wird. Ich muß danach fragen, welchen Einfluß solche Kräfte haben und wie man ihnen seitens der seriösen Kirchen entgegentritt.

23. Januar 2019

Affenhitze

Der Dienstag bringt zwei sehr unterschiedliche erfreuliche Neuigkeiten: Meine Frau wird mich doch besuchen kommen, wenn auch erst gegen Ende meiner Studienzeit. Und ich habe eine Verabredung für Donnerstag mit der Präsidentin der Gemeindeleitung.

Da kann ich mich ansonsten vormittags der Gottesdienstvorbereitung widmen und am Nachmittag wieder den weiten Weg zum Club Alemán de Remo antreten.


Bevor der Trainer kommt und ich die kurze Strecke rudern darf, welche die Wasserpolizei für Sportboote freigegeben hat, sitze ich auf dem Vereinsgelände im Schatten und lerne Spanisch, bis mir die Idee kommt, einfach mal an Nachtisch zu fragen, ob die beiden Männer Lust auf ein Kartenspiel haben, das ich vorsorglich eingesteckt hatte. - Sie haben, und nachdem wir eine Runde "6 nimmt" gespielt haben, kommen wir ins Gespräch über - was sonst? - Fußball, dann aber auch über Alltagsfragen, z.B.: Wie können es sich Urugayer leisten, Preise zu zahlen, die denen in Deutschland ähnlich sind, obwohl sicher die meisten weit weniger verdienen?

Weil sie geizig sind, bekomme ich zur Antwort. (Ob deswegen derartige Autos - wenn auch bereits ausrangiert - hier noch zu sehen sind?) Eine weitere "Erklärung" wird nachgeschoben: Uruguayos seien wie Matrosen: Wenn die Heuer klingt, wird für drei Tage fröhlich Geld ausgegeben - der Rest ist Überlebenskunst.

Auch wenn das nicht wirklich befriedigt, gibt es mir doch eine Ahnung von einem gewissen Fatalismus. Mein Gesprächspartner sagt von sich, er gehöre der unteren Mittelschicht an und sei - das höre ich mit Staunen - bereits im Ruhestand; er ist (erst) 62 Jahre alt.

24. Januar 2019

Den Horizont erweitern

Am Fenster ganz rechts im Bild sitze ich an meinem Schreibtisch, wenn ich diese Zeilen verfasse, und blicke in einen wunderbaren Garten. Das Pfarrhaus ist nach alter Väter Sitte so gebaut, daß Kirche, Gemeindebüro und (ehemaliger) Gemeindesaal gleich an die (private) Küche mit Speicher  grenzen und sich unmittelbar daran die Schlafräume im Erdgeschoß anschließen, auf dem sich ansonsten noch ein Arbeitszimmer und Bad befinden; die Räumlichkeiten der Pfarrfamilie erstrecken sich auch auf die - mittlerweile zu einem Zimmer zusammengefaßten - zwei Zimmerchen im Obergeschoß, die jetzt meine Unterkunft darstellen. Den Garten habe ich bisher kaum genutzt, obwohl er schon rein optisch zum Verweilen einlädt: Man könnte beispielsweise direkt unter den heranreifenden Weintrauben sitzen und  sich “Spanisch für Besserwisser” zu Gemüte führen...

Ich habe gestern interessante Entdeckungen gemacht und einen wichtigen Kontakt geknüpft. Zunächst einmal habe ich dem Internet entnommen, daß es in Montevideo u.a. eine Waldensergemeinde gibt - die Waldenser sind in Uruguay so stark vertreten, daß es die zweitstärkste Waldenserkirche nach Italien ist - und diese jeden Sonntagvormittag Gottesdienste feiert; also werde ich am kommenden Sonntag dorthin gehen. Ferner gibt es eine presbyterianische Gemeinde, die sich immer am Sonntagabend zu ihren Gottesdiensten versammelt. Also werde ich am 27. Januar gleich zwei Gemeinden mit ihren Gottesdiensten kennenlernen können. Daß es auch andere evangelische Kirche und ebenso Sekten und Scharlatane gibt, habe ich bereits erwähnt. Die Putzfrau der Gemeinde, mit der ich kurz geplaudert habe, sagte mir, daß auch sie einer evangelischen Gemeinde (wohl pfingstlerischer Prägung) angehöre.

Pfarrgarten mit Tor

Doch am meisten interessiert mich, wie (anders) andere Gemeinden der Iglesia Evangélica del Río de la Plata sind. Deswegen war ich sehr beglückt, als ich schon kurze Zeit, nachdem ich an die Gemeinde in Paysandú im Nordwesten Uruguays eine Mail geschrieben hatte, eine sehr freundliche Antwort erhielt und dorthin eingeladen wurde. Nun muß ich nur noch klären, an welchem Wochenende im Februar ich das verwirkliche, und bin schon sehr gespannt auf den Austausch mit den Menschen dieser fern der Hauptstadt liegenden und mutmaßlich von deutscher Tradition weitestgehend unbeeindruckten Gemeinde.

25. Januar 2019

Aleñol / Espamán

Wie angekündigt, holt mich die Vorsitzende der Gemeindeleitung, Frau Lüdorf, gemeinsam mit ihrem Ehemann, pünktlich um 1545 Uhr im Auto zum Kaffeetrinken ab. Wir fahren zu genau dem Shopping-Center, das ich vom Vorabend kenne, weil ich eben dort im Kino war.
Das “Oro del Rhin” (Rheingold) hat einen Miteigentümer, der sich im Laufe des Nachmittags ebenso unserer zunächst aus vier Personen bestehenden Gesellschaft anschließt, wie dessen - nicht Deutsch sprechende - uruguayische Ehefrau; er gehört der Congregación Evangélica Alemana de Montevideo an, wurde dort aber schon lange nicht mehr gesichtet - was ihm auch (in aller Lockerheit) aufs Butterbrot geschmiert wird von der vormaligen Sekretärin, die von Anfang an unserer Runde angehörte, sowie den im Laufe der Zeit ebenfalls eintreffenden weiteren zwei Mitgliedern der Gemeindeleitung, die allesamt freundlicherweise dem Aufruf ihrer Vorsitzenden gefolgt sind.

So wird es eine sehr bunte und lebhafte Runde - je später der Nachmittag, desto mehr mischen sich die Sprachen - mit streckenweise Klassentreffen-Atmosphäre, und es ist leider nicht möglich, zielgerichtet mehr zu fragen als danach, wie die Leute in Uruguay es managen, angesichts der Sonntagsöffnung aller Läden so etwas wie Familienleben, Vereins- oder kirchliches Leben zu organisieren. Ich vermute, es liegt nicht daran, daß nur eine aus der Runde noch berufstätig ist, daß man mir antwortet, dies sei ein Problem, das die Uruguayos familiär lösten: Wenn Mama arbeiten muß, dann kümmert sich Papa oder wahlweise die Großeltern um die Kinder, die zu betreuen sind. Angesprochen auf die teilweise extrem jungen Mütter, die mir aufgefallen waren, wird dies als Phänomen des Prekariats erklärt, das verstärkt außerhalb der eigentlichen Stadt - also zum Beispiel nahe dem Ruderclub - wohnt und weite Wege zur Arbeit in Kauf nehmen muß.
Von Vereinsleben oder dem Zusammenhalt der Familie jenseits des organisatorische Funktionierens ist dabei keine Rede, und zur Kirche wird mir erklärt, es gebe zwar jede Menge - seriöse und zweifelhafte - kirchliche Gruppen und Sekten, aber der Staat Uruguay habe seit 1930 eine strikte Trennung von Kirche und Staat, und das sei allenthalben zu spüren: Religion ist Privatsache (ganz anders als etwa im Nachbarland Brasilien).
Wenn man - wie die Anwesenden - der gehobenen Mittelschicht angehört, kann man sich wunderbar gemeinsam über populistische Rüpel mokieren; existentielle Alltagssorgen breiter Bevölkerungskreise sind dann aber zumindest nicht die eigenen.

26. Januar 2019

Ein wenig Routine kehrt ein

Schon für den Vortag war eine junge Dame aus Argentinien - Tochter von Freunden der Granados - angekündigt worden, und zwar für den frühen Morgen, weshalb ich mir extra den Wecker auf 7 Uhr gestellt hatte, damit ich nicht etwa unter der Dusche stehe, wenn es klingelt.

Sie kam - nicht. Statt dessen erhielt ich eine Whatsapp-Nachricht von Jerónimo, er habe sich geirrt und Melanie käme erst am Freitag. (Leider war da das Morgenprogramm bereits absolviert.)

Heute also. Ich stellte den Wecker auf halb acht, denn just zu diesem Zeitpunkt sollte der Bus aus Córdoba in "Tres Cruces", dem nehegelegenen Busbahnhof, eintreffen; aber welcher Bus ist schon pünktlich?

Und dann passierte es: Als ich mir gerade das Haupthaar shamponiert hatte, klingelte es - also schnell das Handtuch umgelegt und zur Tür gestürzt...

Was ich mit Routine meine? Daß es tatsächlich gelang, eine Unterhaltung mit dieser Studentin zu führen. Die verlief zwar nicht völlig flüssig, bestand aber keineswegs nur aus dem Austausch von Höflichkeiten, sondern drehte sich um sehr ernsthafte Fragen wie etwa das gescheiterte Volksbegehren in Argentinien zur Straflosstellung von Schwangerschaftsabbrüchen. Oder wir stellten einen Vergleich an zwischem dem Film aus den 80er Jahren "Geschichte der Dienerin" und deren Neuverfilmung als Serie - ich kannte jenen, sie hatte diese voriges Jahr gesehen.

27. Januar 2019

Weite Wege

Die kleine Orientierungskarte der Haupt-Buslinien erfaßt nur einen Bruchteil der tatsächlich zirkulierenden Omnibusse. Also frage ich jetzt immer schon - den Stadtplan in der Hand -, ob mir jemand sagen kann, welcher Bus da und da hin fährt. Falls es darauf eine positive Antwort gibt (nett sind die Leute ja), dann kann ich trotzdem froh sein, wenn mir ein längerer Fußmarsch erspart bleibt.
Wenn einem so etwas Schönes beschert wird - ich kam zufällig am alten Mercado Agricola vorbei -, dann sind auch die 30°C bei hoher Luftfeuchtigkeit  für eine Weile vergessen.

Für alle phantasiebegabten Harry-Potter-Fans habe ich hier noch ein kleines Schmankerl fotografiert...

Und den bereits erwähnten, tatsächlich verhältnismäßig häufig anzutreffenden VW Käfer will ich auch noch präsentieren als Souvenir von meinem vormittäglichen Spaziergang durch neue Regionen von Montevideo, die ich durchquert habe, um sicherzustellen, daß die dem Internet entnommenen Angaben über Ort und Zeit jener Gottesdienste, die ich morgen besuchen möchte, auch korrekt sind. Was die Orte betrifft, konnten ich mich überzeugen; aber Angaben über die Gottesdienstzeiten fand ich nur an der presbyterianischen Kirche, zu der ich morgen abend gehen werde. Mal sehen, ob ich bei den Waldensern um 10 Uhr morgens offene Türen finde.

27. Januar 2019

Unter Brüdern (und Schwestern)

Ich weiß gar nicht zu sagen, was mich am meisten beglückt hat an diesem Sonntagvormittag!
Es war vermutlich die Kombination aus
1) einem herzlichen Empfang weit vor Beginn des Gottesdienstes einschließlich freundlichen Gesprächen mit interessierten (aktiven) Gemeindegliedern und dem Pastor, die sich allesamt über mein Interesse an ihre Kirche freuten; 2) einer  familiär-lockeren Atmosphäre während des gesamten Gottesdienstes, dem es jedoch zu keinem Zeitpunkt an Ernsthaftigkeit mangelte, und bei dem im “Abkündigungsteil” mehrere Personen das Wort ergriffen, die etwas mitzuteilen hatten;
3) dem schlichten reformierten Gottesdienstraum und einem Gottesdienstablauf mit drei Lesungen, die ebenso von Gemeindegliedern aus der Liturgiegruppe vorgetragen wurden wie das Fürbittengebet, während der Pastor für Gebete, Predigt und die Leitung der Abendmahlsfeier zuständig war;
4) der unkomplizierten und unaufgeregten Art und Weise, miteinander das Abendmahl zu feiern, zu dem ausdrücklich alle eingeladen wurden, unabhängig von ihrer Konfession, wobei wie zuhause man sich am Ende die Hände - und in jener intensiven Situation wurde derer gedacht, die nicht dabei sein können, weil sie krank oder verhindert sind, aber zur Gemeinschaft gehören.

Oder war es (auch) das Gefühl, etwa 80% dessen verstanden zu haben, was während des Gottesdienstes gesagt wurde?
Eine kleine Kuriosität am Rande: Eine Dame stellte während (!) des Gottesdienstes die Blumen auf den Abendmahlstisch. War sie die dafür zuständige Person und zu spät gekommen? Ich vermute es. Niemand schien sich daran zu stoßen, daß sie ihrer Verpflichtung nicht pünktlich nachgekommen war, sondern allen war es offenbar willkommen, daß - wenn auch erst im Verlaufe des Gottesdienstes - dieses schmückende Extra hinzugefügt wurde.

28. Januar 2019

Too much heaven

Ja, es steht ausdrücklich in der Bibel: “Betet ohne Unterlaß!”
- Aber muß man das wörtlich nehmen?
Der Gottesdienst der presbyterianischen Gemeinde fühlte sich an wie das, was ich von jenen der “Landeskirchlichen Gemeinschaft” im Brandenburgischen in Erinnerung hatte: eng, streng, freudlos.
Das lag sicher auch an den beiden US-amerikanischen (mit heftigem Akzent sprechenden) Pastoren, welche die Veranstaltung hierarchisch-machistisch leiteten und doch dabei unsicher wirkten - was wiederum auf ihre Fremdheit und den Umstand zurückzuführen sein dürfte, daß es die von mir besuchte Filiale erst seit 8 Monaten gibt.

Sie ist ein nordamerikanisches Missionsprojekt, auf Seiten der Aktiven (also z.B. für die Musik Verantwortlichen) sieht man sehr hellhäutige, blonde oder rothaarige Geschöpfe - hinsichtlich der dienenden Funktionen überwiegend weiblichen Geschlechts.
Obwohl - oder weil? - es in der Predigt um das Vaterunser geht (der Pastor hat sich, wie er anfangs sagt, um entschieden und bleibt für diesmal bei der Einleitung), wird in den zahllosen Gebeten “geplappert wie bei den Heiden”.
Bekannt sind mir einige der angestimmten Melodien; den Text findet man - wie ich das aus  Spanien kenne - auf eine Leinwand projiziert. Die Gemeinde singt voll Inbrunst - ich auch.
Vertraut sind mir ebenfalls die mancherlei Bibellesen, die hier - anders als am Morgen - wortwörtlich mit meiner mitgebrachten spanischen “Lutherbibel” (Reina Valera) übereinstimmen.
Ein gutes Wort möchte ich noch sagen: Auch hier begegnete man (v.a. meine nette Nachbarin, eine Polizistin, die sich selbst als Urgestein der Gemeinde bezeichnete) mir sehr freundlich und offen, wenngleich darauf verzichtet wurde, mich offiziell vorzustellen und um ein paar Worte zu bitten.

Aber die Predigt war wie aus dem Schwarzbuch der Homiletik: Bibelstelle an Bibelstelle reihend, blieb sie an der Oberfläche der vier ersten Worte des Textes, will sagen beim “Vater unser im Himmel” - und zwar nach dem Schema “Zwei Jünger gingen nach Jericho”, und das geht so:
“Es war, liebe Gemeinde, nicht ein Jünger allein, der da ging. Es waren auch nicht ihrer vier oder gar alle zwölf. Zwei Jünger machten sich auf den Weg. Das gibt uns zu denken!
Sie gingen, lesen wir. Aha. Sie liefen nicht, sie schlichen nicht, sie wandelten nicht, sie rannten nicht. Sie liefen. Was will uns das sagen? Schauen wir doch einmal, was bei ... steht:”
Und so weiter. Endlos. Inhaltslos.
Sage bitte zuhause niemand mehr, meine Predigten seien biblizistisch!
Diese hier war es. Aber weder hatte sie irgend etwas mit den Hörern zu tun (♂ - es gab, denke ich, nur maskuline Hörer in der Gedankenwelt des Predigers) -  abgesehen davon, daß ihnen vor Augen gehalten wurde, es sei undenkbar, sich Gott gegenüber zu verhalten, wie manch pubertierendes Kind seinem Vater begegnet -, noch erhellten die zahllosen Zitate den Hintergrund des Wortlautes; der jüdische Ursprung des Gebetes Jesu wurde gänzlich unterschlagen.
Der Ansatz für den Prediger bestand darin zu sagen, daß sogar Jesus es nötig hatte zu beten - um wieviel mehr wir -, und daß dies eine komplizierte Sache sei. Die Quintessenz der Predigt war: Wenn du einen Vater hättest, der bereit ist, dir jederzeit zuzuhören und für all deine Sorgen und Wünsche stets ein offenes Ohr hat etc. - würdest du dann darauf verzichten, mit ihm ständig vertrauensvoll und offen zu reden?!
Beinahe kurios wirkte es auf mich, in der Hand der kleinen Tochter des Pastors ein Heftchen zu entdecken, das ich mir dann auch erbat, mitnehmen zu dürfen: Den Heidelberger Katechismus in spanischer Sprache. Mit Reformierten europäischer Prägung, wie ich sie bisher kannte, hatte diese Veranstaltung nichts zu tun.

29. Januar 2019

Die Hitze legt alles lahm

Heute nur ein kurzer Bericht von gestern und heute:
Zur Zeit herrschen mehr als 30 °C bei über 80% Luftfeuchtigkeit, d.h. das Wort “herrschen” ist wörtlich zu nehmen...

Zu Fuß ging ich - immer schön im Schatten - zum Busbahnhof “Tres Cruces”, um an Ort und Stelle Informationen für meine Fahrt nach Paysandú zu gewinnen; das ist mir schließlich gelungen, auch wenn ich kein Ticket kaufen konnte, weil ich nicht genug Bargeld dabei hatte.
Derart motiviert, mailte ich mit dem super freundlichen Vikar Jhonatan Schubert aus Young (einer Filiale von Paysandú), der gleich heute antworte und mir sogleich einen Kontakt zu Gemeindegliedern in Paysandú vermittelte, mit denen ich dann auch sofort Kontakt per whatsapp aufnahm.
Mittlerweile habe ich auch ein Airbnb-Quartier für Paysandú und ein Hotel in Young gefunden und gebucht. Und die deutschsprachige Familie daselbst wird sich meiner annehmen, mir die Kirche zeigen und alles über die Gemeinde erzählen, was ich wissen möchte. Dafür lohnt sich die 400 km weite Anreise - und vielleicht können sie mir sogar das ganz exquisite Vergnügen vermitteln, auf dem Rio Uruguay zu rudern; denn es gibt dort nicht nur einen Verein, sondern Familie Lickay kennt sogar jemanden, der dort Mitglied ist.
Am Sonntag, den 17. Februar, werde ich dann an der Feier der Konfirmation in Young teilnehmen. Das wird sicher auch sehr aufschlußreich...
Heute nun gegen Abend ein Treffen mit dem jungen Kirchenmusiker aus Berlin, Caspar Wein, mit dem ich am Sonntag den Gottesdienst gestalten werde. Mit meinen vorgeschlagenen Liedern war er sofort einverstanden - was mich sehr freut.
Er erläutert mir die preußische Liturgie aus den zwanziger Jahren des 19. (!) Jahrhunderts, die hier noch immer in Geltung steht, und ihre Tücken, die vor allem die unmögliche Silbenverteilung der spanischen Worte (Vorgriff auf den 10. Februar) auf die deutschen Melodien betrifft, wie umgekehrt die im Abendmahlsteil verwendeten Melodien aus dem spanischsprachigen Raum nicht für die deutschen Worte taugen. Wir beschließen gemeinsam, “Sanctus” und “Agnus Dei” aus dem Evangelischen Gesangbuch zu verwenden.

30. Januar 2019

Geld verdienen

Kirchensteuern, die man in der uns geläufigen Form nur in Deutschland und der Schweiz kennt, sind unbeliebt.
Aber auch andernorts sparen die Leute gern - selbst wenn man ihnen zielgerichtet Gebühren auferlegt für Dienstleistungen, die sie von sich aus nachfragen.
Bis vor wenigen Jahren war die CEAM noch eine Art Filiale in der großen Zahl deutscher Auslandsgemeinden. Nun gehört sie voll und ganz organisatorisch zur IERP.
Als Gerónimo Granados, aus Buenos Aires kommend, die Stelle antrat, fand er Verhältnisse vor, die auf die Dauer nicht so bleiben konnten (ich berichtete bereits darüber).
Nicht nur eine Verringerung der Ausgaben mußte her, sondern auch - und wichtiger - eine Steigerung der Einnahmen.
Eingeschriebene Mitglieder sind (moralisch) zu einer monatlichen Zahlung verpflichtet; eine rechtlich bindende Regelung existiert jedoch nicht, abgesehen davon, daß ihnen dann zum Beispiel das Stimmrecht in der Gemeindeversammlung verloren geht. Sympathisanten sind gebeten, einen freiwilligen Beitrag zu leisten. Die vorgeschlagene Staffelung - in Abhängigkeit vom Einkommen - beginnt bei 400 $U (umgerechnet gut 10 Euro). Doch die Zahlungsmoral ist schlecht - und was noch gravierender ist: Auch Außenstehenden gegenüber war man bisher großzügig, will sagen: nachlässig.

Das ist nun - der Theorie nach - anders geworden. Es gibt eine regelrechte Gebührendordnung, die ich im Gemeindebüro einsehen konnte. Danach kostet beispielsweise Ahnenforschung 44,- € (und zwar per Vorkasse). Das klingt noch nachvollziehbar, vor allem, wenn man bedenkt, daß sich der Pastor selbst um derartige Belange zu kümmern hat.
Für die Nutzung der Kirche für 2 Stunden, etwa zur Durchführung von Konzerten, werden  65 Euro in Rechnung gestellt. Kommt Gartennutzung hinzu, so werden zusätzlich 105 Euro (das Achtfache des empfohlenen monatlichen Höchst-Mitgliedsbeitrages) verlangt; werden auch Tische und Stühle genutzt, so steigt der Preis auf 130,- €, und wenn dies in den Abendstunden geschieht, werden noch einmal 26 Euro drauf geschlagen.
Aber jetzt geht es erst richtig los!
Findet eine Taufe im Gottesdienst statt, so werden sage und schreibe 220 Euro fällig - bei Tauffeiern abseits des Gemeindegottesdienstes sind es sogar 270,- €.
Hochzeiten kosten - in der Kirche und bei Tage - 240 Euro. Das steigert sich zur Abendzeit auf 290 Euro, und wenn die Trauung außerhalb stattfindet, sind satte 340,- € fällig.
Trauerfeiern werden mit 105 Euro berechnet - es sei denn, man ist Mitglied und hat in den zurückliegenden anderthalb Jahren durchgehend gezahlt; dann ist man dennoch gebeten, einen freiwilligen Kostenbeitrag zu entrichten.
Nicht, daß es mir gefiele, sich am Dienstleistungssektor zu orientieren!
Aber wenn schon “Dienstleistungen” nachgefragt - und erbracht - werden, dann ist es nur folgerichtig, dafür Tarife aufzustellen und so für Transparenz zu sorgen; außerdem scheint es mir, daß eine Gemeinde mit so schmaler Mitgliederbasis (die zumal auch noch in finanzieller Hinsicht unzuverlässig ist) anders nicht (über)lebensfähig ist.
Gibt uns das (jetzt schon) zu denken?

31. Januar 2019 - letzter Beitrag in diesem ersten Blog

Mein Haus = dein Haus

Zwei Bitten hatte Jerónimo an mich, falls es mir nichts ausmache: Ich möge am 30. Januar um 17 Uhr einer Kirchenältesten öffnen, damit sie in die Kirche gelange, und am 31. Januar der Putzfrau Geld aushändigen und mir dies auf einer provisorischen Quittung bestätigen lassen.
Die Putzfrau ist gerade im Haus, die Quittung vorbereitet, der Lohn für zwei Einsätze à 4 Stunden (1500 Pesos) liegt bereit.
Die Kirchenälteste erschien gestern auf die Minute pünktlich, ich ließ sie ein - sie schwallte mich im Río-de-la-Plata-Spanisch voll. In einer Atempause bat ich sie, langsam und deutlich zu sprechen; sie lächelte, erklärte, daß sie stets zu schnell spreche - und fuhr in etwa fort wie gehabt.
Circa eine halbe Stunde später ging sie wieder: “Nos vemos el domingo.” - Aha, dann spricht sie also auch Deutsch?

Ich hatte vor dem Einlassen von Frau Olano  - verabredungsgemäß - die Alarmanlage aus- und nach ihrem Weggang wieder eingeschaltet.
Gegen 18 Uhr schrillte die Alarmanlage. Diesmal wirklich unsere! Also: Ausschalten und nachsehen gehen... Die Kirche liegt in düsterem Licht. Ich muß die Tür öffnen, was mir nicht ganz geheuer ist - falls wirklich jemand eingedrungen sein sollte. Nichts zu sehen.
Also die Alarmanlage wieder einschalten und hoffen, daß alles ruhig bleibt.
Leider nicht - wenige Minuten später dasselbe noch einmal. Ich wage mich diesmal bis in den Eingangsbereich der Kirche vor und entdecke, daß die Tür zwar abgeschlossen, aber nicht geschlossen ist. Unterdessen klingelt im Gemeindebüro das Telefon. Soweit ich die Frau von der Sicherheitsfirma verstehe, beantworte ich ihre Fragen und füge noch hinzu, daß es ein Problem gibt, daß praktisch gelöst werden muß, weil ja die Tür nicht offen stehen bleiben kann.

Kurz darauf meldet sich Jerónimo und beschreibt mir, wo ich den Kirchenschlüssel finde - was auch nach einigem Suchen gelingt. Mit dem Handy in der einen Hand und dem Schlüsselbund in der anderen versuche ich zunächst aufzuschließen. Dann bitte ich ihn um Geduld, auf einen Rückruf zu warten, damit ich mit beiden Händen das Schloß traktieren kann.
Im Schweiße meines Angesichts gelingt es mir, zuerst das alte, zwei Metallstifte bewegende Hauptschloß und dann auch das Sicherheitsschloß zu öffnen. Was zunächst nicht klappt, ist die Schließung der Tür, vom Abschließen ganz zu schweigen.
Nach vielem Hin und Her habe ich den anderen Flügel der Tür so in Position gebracht, daß sich die Tür wieder schließen läßt. Nur ver-schließen: das gelingt mir lediglich mit dem Sicherheitsschloß. Da dies zu unsicher wirkt, lege ich zusätzlich die Kette vor - und informiere anschließend sowohl Jerónimo als auch Caspar über die neue Situation.
Nachdem die Alarmanlage wieder aktiviert ist, ruft Jerónimo an, bedankt sich für mein Engagement, bittet jedoch zugleich darum, die Kette wieder zu entfernen: zu viele Leute seien betroffen, die in die Kirche gelangen wollen / müssen / sollen.
Okay - also noch einmal das Prozedere mit Alarm aus, Kette weg, Alarm wieder an.
Endlich Ruhe!

3.33 Uhr in der Nacht: Alarm! Zugleich klingelt das Telefon: Jerónimo möchte wissen, was passiert ist.
Im Erdgeschoß treffe ich auf Melanie, die sich vor die Tür wagt, jedoch nichts erkennen kann. Die Alarmanlage ist bereits deaktiviert.
“Wo ist eigentlich die Katze?”
Ja, genau: Die Katze hatte sich in die Kirche geschlichen, und sie war es, die den nächtlichen Alarm ausgelöst hatte.
Als alles vorüber ist, meldet sich Jerónimo abermals per whatsapp. Um diese Uhrzeit kann / will ich nicht die Kraft aufbringen, nach Formulierungen auf Spanisch zu suchen.
Doch so oder so ist nun - endlich - alles gut

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