Uruguay 3

© Stephan Schaar
Veröffentlicht von Stephan Schaar am Mo., 18. Feb. 2019 13:59 Uhr
Studienreise

Bericht von meinem Studienaufenthalt in Uruguay als Gast der Iglesia Evangélica del Río de la Plata bzw. der Congregación Evangélica Alemana de Montevideo

Montag, 18. Februar

In die Tiefe

Am Donnerstag bin ich nach Paysandú gefahren. Schon die Busfahrt war ein Erlebnis - angefangen bei der Route innerhalb Montevideos, die am ehemaligen Hauptbahnhof und den noch sichtbaren Gleisen entlang führte und dann mehrere Hundert Kilometer durch eine unspektakuläre, aber angenehme Landschaft, die mal mehr an die Uckermark mit ihren sanften Hügeln erinnerte, mal mehr an das sehr flache Ungarn, das für mich auch verbunden ist mit dem Stichwort “Improvisation”; bis auf die Palmen natürlich, die zwar als nutzlos gelten, aber unter Naturschutz stehen.
Die Air-bnb-Gastgeberin erwies sich als Tochter der vormaligen Präsidentin des Club Remeros de Paysandú, eine mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Athletin, die - witzigerweise - zugleich mit Ehepaar Lickay befreundet ist, also dem Präsidenten der hiesigen evangelischen Gemeinde und seiner Frau.

So habe ich gleich zweierlei Unterstützung für meinen Herzenswunsch, mal auf dem großen Río Uruguay rudern zu dürfen. Am Freitagvormittag ist es dann soweit.
Danach werde ich zu einem typisch uruguayischen Asado bei den Lickays eingeladen, die wiederum ganz typische Deutsch-Uruguayos sind: Hier geboren, von Deutschen abstammend. Marta hat in den ersten sieben Lebensjahren kein Spanisch gesprochen, denn ihre Mutter konnte das kaum. Heute hingegen wechselt das Ehepaar im Alltag zwischen Deutsch und Spanisch hin und her.
14 Jahre haben sie in Deutschland verbracht und im Gegenschicht-System gerackert; hier konnten sie sich ein hübsches Haus kaufen. Die Kinder sind rückausgewandert und leben in Deutschland. Zur Feier der Goldenen Hochzeit, die im September ansteht, können sie nicht anreisen; also wurden kurzerhand die Eltern eingeladen, nach Deutschland zu kommen.

Nach einer Siesta werfen wir einen beinahe hastigen Blick in die örtliche Evangelische Kirche. Daneben wohnt die Schatzmeisterin, mit der zu sprechen mir in Aussicht gestellt worden war - allein: Am Vortag erhielt sie ihre Kündigung (von einem Tag auf den anderen); die Firma hofft, auf diese Weise besonders viel einsparen zu können. Von diesem Schock muß sie sich erst einmal erholen und ist daher leider nicht in der Verfassung, sich von mir interviewen zu lassen.
Danach fahren wir eine gehörige Strecke Richtung Salto in den Geburtsort von Marta Lickay, und ich erfahre, wie einst ohne Telekommunikationsmittel der junge Mann aus Paysandú zu seiner Angebeteten nach  Santa Blanca fuhr. Das ist nicht, was ich erwartete hatte, nämlich ein Dorf, sondern ich fühle mich in Wild-West-Filme versetzt:

Auf einem schlechten Schotterweg (auf dem LKW die hier “geernteten” Eukalyptus-Bäume zur Papierherstellung abtransportieren) biegen wir durch ein hölzernes Tor auf einen Weg, der zur Granja führt, auf der vor bald 70 Jahren Marta - damals - Müller geboren wurde. Wir werden sehr gastfreundlich empfangen und besichtigen die einst eigenhändig errichtete sehr schlichte Kirche, in der noch heute in gewissen Abständen (aber nicht mehr auf Deutsch) evangelische Gottesdienste gefeiert werden.
Es wird spät an diesem Tag. Trotzdem stehe ich am Sonnabend wieder früh auf; denn ich bin eingeladen, abermals in den Ruderclub zu kommen. Diesmal fahre ich nicht zur Brücke, sondern umrunde eine Insel, die schon zu Argentinien gehört - ein beglückendes Sporterlebnis!
Dann fahre ich nach Young, wo Jhonatan Schubert - ein von Deutschen abstammender Vikar aus Paraguay - mich an der Haltestelle erwartet und zum nahegelegenen Hotel begleitet. Er spricht ein paar Brocken Deutsch, aber wir unterhalten uns auf Spanisch, zumal seine Freundin, eine Argentinierin, kein Deutsch versteht. Ich will die beiden aber nicht unablässig mit Beschlag belegen, deshalb verabschiede ich mich nach dem Kaffeetrinken und erkunde den kleinen Ort auf eigene Faust zu Fuß.
Am Sonntag (nicht ganz pünktlich) um 10 Uhr beginnt der Konfirmationsgottesdienst. 3 Jungen im Alter von 14 Jahren werden eingesegnet. Bei der Begrüßung wird kurz darauf hingewiesen, daß ein Gast-Pfarrer aus Deutschland anwesend sei; wer nachher noch Zeit und Lust habe, könne dann mit ihm noch sprechen.

Ich bin sehr erfreut, geschätzt 90% von dem, was er sagt, zu verstehen. Die Liturgie wurde (wie bei uns ebenfalls üblich) etwas verkürzt:, z.B. gibt es nur eine einzige Lesung, und unmittelbar darauf folgt - frei stehend - die Predigt über Joh 15, 1-7 (“Ich bin der Weinstock - ihr seid die Reben”.).
Es gibt ein Liederheft, das eigens für die Gemeinde Paysandú samt Filialen zusammengestellt worden ist und aus dem auch sonst gesungen wird, und die Freundin von Jhonatan (eine Musiklehrerin) sitzt brav am Keyboard, als wären wir in einer vom traditionellen deutschen (lutherischen) Pfarrhaus-Gedanken bestimmten Gemeinde.
Es gibt ein auf Zetteln gedrucktes neueres Glaubensbekenntnis, das vor dem Gottesdienst verteilt worden ist, aber wegen zahlreicher Nachzügler erneut angeboten wird, als es schließlich gesprochen werden soll.
Dann die eigentliche Einsegnung: Einerseits sehr feierlich, andererseits aber ganz natürlich - es wirkt in keiner Weise inszeniert, auch wenn die Familienangehörigen ebenso begierig sind, Fotos zu machen, wie das bei uns auch der Fall ist.
Was mir (positiv) auffällt: nicht nur der Vikar hält seine Hand segnend über die jungen Leute, sondern die ganze Gemeinde ist aufgefordert, dies ebenfalls zu tun - und sie tut es.
Dieselbe Geste dann bei der Feier des Abendmahls, bei welcher Jhonatan sich ebenfalls die Freiheit genommen hat, das sonst übliche Präfationsgebet wegzulassen.
Nach dem Gottesdienst komme ich u.a. ganz ungezwungen ins Gespräch mit einer Dame, die sich als Präsidentin des Kirchendistrikts Uruguay vorstellt.

Nach dem Mittagessen diskutieren Jhonatan und ich über zahlreiche theologische Fragen  - was zu meinem Erstaunen sprachlich richtig gut geht - und spielen anschließend gemeinsam mit seiner Freundin Skat, was ich ihnen (als so deutsch wie nur irgend möglich) mitgebracht und auf Spanisch erklärt habe. Ich werde wiederkommen, wenn sich am 16. März in Young Vertreter*innen des uruguayischen Distrikts der IERP treffen. Und außerdem überlege ich ernsthaft, noch einmal nach Paysandú zu fahren, um die so überaus freundlichen Lickays wiederzusehen und - wenn schon - dort einen Gottesdienst zu halten. (Selbstverständlich gehe ich dann auch wieder rudern auf dem Uruguay.)
Während der Rückfahrt frage ich bei Waltraud Teske an, ob die Pläne für einen Ausflug nach Punta del Este schon konkret geworden seien - und ich rechne eigentlich nicht mit einer Zustimmung. Überraschenderweise teilt sie mir mit, sie wolle von Freitag (22.2.) bis Freitag (1.3.) dorthin fahren. Dann könne ich höchstens nachkommen, weil ich ja am 24.2. beim zweisprachigen Gottesdienst den deutschen Part zugesagt habe, und am 1. März möchte ich wieder in Montevideo sein wegen des Weltgebetstages... In der nächsten Whatsapp lese ich dann, wir reisen mitsamt ihrem Enkel von 14 Jahren von Montag bis Donnerstag an den Atlantik. Das ist doch der Wahnsinn: Sommer - Sonne - Meer!

Dienstag, 19. Februar

Platz nehmen

Ein Nachtrag zum Wochenende:
Im Bild zu sehen: die Granja Müller - kurioserweise heißen die heutigen Eigentümer so, wie Frau Lickay mit Geburtsnamen hieß, obwohl sie nicht miteinander verwandt sind.
Der - meines Erachtens von links nach rechts (und damit gegenläufig zu unserem nördlichen) - zunehmende Mond steht bereits über dem Haus in der Einsamkeit ; drinnen aber ist es anheimelnd, vor allem wegen der herzlichen Gastfreundlichkeit.
Die von außen nicht eben hübsche Kirche der Siedlung bietet innen einen schlichten, aber einladenden Anblick - und wie man im Vergleich mit der Kirche etwa in Paysandú sofort bemerken dürfte: hier spielt die deutsche Sprache (offiziell) keine Rolle mehr. Die Bewohner der einstigen deutschen Siedlung sprechen, wenn überhaupt, gebrochen Deutsch.

Am Sonntag beim Frühstück im Hotel lief das Fernsehen, und die alte Dame aus Argentinien, welche das Programm verfolgte, sprach die Gebete der Messe mit. Was mir auffiel, war die (wie ich finde: verdächtige) Ähnlichkeit der Abendmahlsliturgie mit jener der (vorgeblich) unierten der IERP.

Im Gespräch mit Jerónimo über die Abweichungen Jhonatans von der - theoretisch - überall gleichen Liturgie der IERP erklärte mein Mentor, diese seien entweder auf die spezielle Situation der Konfirmationsfeier zurückzuführen oder aber auf das - mittlerweile beendete - Projekt einer Kooperation mit den Waldensern in Young.
In einer Festschrift aus Anlaß des 125jährigen Bestehens der CEAM lese ich heute, daß die Bekenntnisgrundlage der Gemeinde sowohl der Kleine Katechismus Luthers als auch der Heidenberger Katechismus sei. Das halte ich nicht für ausreichend. Meines Erachtens müßten vier Dinge gegeben sein, um von einer “unierten” Kirche sprechen zu können, bei der auch die reformierten Essentials angemessen berücksichtigt sind: 1) Die Anerkennung der Einheit der Heiligen Schrift aus Altem und Neuem Testament (welche sich selbstredend auch liturgisch niederschlägt).  2) Eine Leitungsstruktur, bei der das Laienelement deutlich zum Tragen kommt und Hierarchie eine möglichst geringe Rolle spielt, was sich ebenfalls auf die Gestaltung der Gottesdienste auswirken dürfte, in denen bei Reformierten auch nicht ordinierte Personen selbstverständlich eine Leitungsfunktion wahrnehmen. 3)  Ein Abendmahlsverständnis - und eine dem entsprechende liturgische Praxis -, das sich deutlich von der katholischen Transsubstantianionslehre unterscheidet und also auch jede Verwechslung mit der päpstlichen Messe zu vermeiden trachtet. 4) Eine biblisch begründete Ethik sowie eine Kultur der sich selbst immer wieder in Frage stellenden Kirche, die sich stets aufs Neue herausgefordert sieht, ihren Glauben im Angesicht aktueller Lebensumstände zu reflektieren und ggf. neu zu formulieren.
Alle - auch und gerade die Gäste - werden eingeladen, am Abendmahl teilzunehmen: Platz am Tisch des Herrn ist für alle da, betont Jhonatan.

Als ich abreisen will, suche ich - vergeblich - nach meinem Busfahrschein. Jhonatan ruft im Hotel an: ob man ihn dort vielleicht gefunden hat? - Leider Fehlanzeige!
Dann ein weiterer Anruf, bei der Busgesellschaft. Die Nummer des Tickets weiß ich zwar nicht mehr (wie auch?); aber ich habe mir gemerkt, auf welchen Platz ich gebucht war - und siehe da: Ich bekomme anstandslos eine Fahrkartenkopie und kann ohne erneute Zahlung nach Montevideo zurückkehren.
Sie sind wirklich sehr freundlich, die Uruguayer!

Mittwoch, 20. Februar

Geschlossene Türen - offene Fragen

Auf meine - kürzlich erneuerte - elektronische Anfrage wegen eines Besuches in Nueva Helvecia habe ich noch immer keine Antwort erhalten.
Auch die Waldenser in Buenos Aires hatten auf eine erste Kontaktanfrage leider nicht reagiert. Also habe ich auch dieses Anliegen noch einmal vorgetragen.
Konkret ist hingegen die Planung für einen Besuch bei der Kirchenleitung der IERP. Mit der Generalsekretärin, Pastorin Skupch, hat Jerónimo für mich einen Termin vereinbart für den 3. April.
Um die Zeit voll auskosten zu können, habe ich mir schon mal Fragen überlegt und ihr zugesandt:
➀    Was würde der Welt fehlen, gäbe es keine IERP?
➁    Wie wirken sich die sozio-ökonomischen, politischen, kulturellen etc. Verhältnisse vor Ort auf die Theologie und das kirchliche Leben in der IERP aus?
➂    In welchem Verhältnis stehen die (ggf. lutherische) Konfession und die  (kongregationalistische) Organisation der Kirche zueinander?
➃    Was sagt Ihnen das Stichwort “GEKE” (Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa)?
➄    Welchen Reichtum einerseits und welche Schwierigkeit andererseits bedeutet es, Kirche in drei sehr unterschiedlichen Ländern zu sein?
➅    Wo sehen Sie die größte Gemeinsamkeit zwischen der IERP und der EKD, und wo umgekehrt stehen sich die beiden Kirchen Ihrer Ansicht nach am fernsten?

Ich hoffe sehr, daß ich von kirchenleitender Seite ein paar Antworten bekomme - insbesondere zu der kongregationalistischen Struktur und also dem Verhältnis zwischen Zentrale und Einzelgemeinden sowie Zentrale und Distrikten; denn nicht einmal Frau Moos, die Distrikt-Präsidentin, wußte dazu viel zu sagen.

Weil die Preise mit zunehmender Nachfrage steigen, empfahl man mir, die Fährpassage frühzeitig zu buchen. Also lief ich wieder einmal zum Busbahnhof Tres Cruces, erwarb die Tickets, erhielt auch noch weiterführende Informationen, wo ich Busfahrkarten kaufen könne, um nach Colonia del Sacramento (vor dort verkehren die Schiffe) zu gelangen.
Zu meiner - und später auch Jerónimos - Verwunderung gab es aber noch nirgendwo Boletos für den 30. März zu kaufen.

Dann passierte mir dasselbe wie zwei Tage zuvor: Der Bus 157 nach Parque Rodó (bei mir um die Ecke) stand an der Haltestelle - doch die Ampel war rot. Als sie auf grün sprang, war der Bus bereits abgefahren. “Na gut”, dachte ich mir, “heute ist ja ein Werktag: Warte auf den nächsten!” Ich wartete. Viele Busse fuhren. Mein Bus kam nach einer Ewigkeit, und ich mußte rennen, um ihn zu erwischen, denn eröffnete seine Türen, obwohl vor ihm drei andere Busse hielten und er noch gar nicht wirklich an der Haltestelle angekommen war. Ich verlangte einen lokalen Fahrschein, doch der wurde mir mit der Begründung verweigert, es gebe ihn in diesem Bus nicht; also 10 Pesos mehr bezahlen, und das nach dieser Pleite!
Am Montagmorgen hatte Jerónimo meinen erregten Bericht über das Geschehen an der Haltestelle am Vorabend lakonisch mit den Worten “Willkommen in Uruguay!” kommentiert.
Zu allem Überfluß stellte sich heraus, daß ich versehentlich ein falsches Datum für die Rückreise angegebenen hatte. Ich fragte Jerónimo, was zu tun sei, und er riet mir, innerhalb von 24 Stunden - am besten aber sofort - erneut nach Tres Cruces zu gehen, um die Tickets (dann kostenfrei) ändern zu lassen. Mit ein bißchen Warten und Bürokratie ließ sich das auch verwirklichen.

Evangelische Kirche in Santa Blanca

Bereits im Dunkeln schlenderte ich - fast jedes Mal variiere ich den Weg etwas - nach Hause und kam diesmal an einer auffällig großen, an ein Theater oder großes Kino erinnernden Kirche* vorbei, deren Pforten gerade zur Avenida 18 de julio hin geöffnet waren. Ich betrat den Vorraum, vom dem aus ich sehen konnte, daß gerade ein paar wenige Leute ganz vorn in dieser Kirche versammelt waren und ein Mann mit Mikrophon auf die übrigen Leute einredete.   

*auf dem Foto - als denkbar größten Kontrast dazu - die evangelische Kirche in Santa Blanca

Unterdessen wurde ich mit Handschlag begrüßt und zum Eintreten eingeladen. Ich behauptete, keine Zeit zu haben und nur eben wissen zu wollen, was das für eine Kirche sei. Eine evangelische, hieß es darauf. “Pentecostal?” Nein, hier werde das Wort Gottes gepredigt, wurde zurückgegeben. Ob ich ein Foto machen dürfe, bat ich. Das gehe leider nicht, wurde erwidert. Dann könne man mir doch aber bitte einen Flyer geben! Ja, das tat man, und ich wurde eingeladen, jederzeit wiederzukommen in die “Catedral de fe”.
Ein gründlicher Blick auf den Handzettel genügte dann, um festzustellen, daß eine Pfingstkirche noch als grundsolide gelten dürfte gegen diese Organisation, welche mit reißerischen Kurzstories unter dem Slogan “Alles ist möglich dem, der glaubt” spektakuläre Heilungen  in Aussicht stellt. Vermutlich gehört dieser 1500 Personen fassende Saal zu jenem Laden, den ich in meinem ersten Blog bereits voller Abscheu erwähnte: “Show de la fe.”

ZUR ÖKUMENISCHEN ZUSAMMENARBEIT ist folgendes vorläufig festzuhalten:

1. Es gibt gewisse Gelegenheiten - von Ort und ggf. Sprache abhängig -, bei denen es gemeinsame Aktivitäten auch mit der (hier natürlich zahlenmäßig stärksten) Römisch-katholischen Kirche gibt. Der Weltgebetstag kann dazugehören, muß aber nicht, ferner die Gebetswoche für die Einheit der Christen.

2. Es gibt eine gemeinsame theologische Ausbildung aller seriösen evangelischen Kirchen (IERP, Waldenser, kleinere lutherische Kirchen, Mennoniten, wohl auch Baptisten) in Argentinien; die Methodisten beteiligten sich früher ebenfalls daran, sind aber ausgestiegen und haben jetzt ihr eigenes Institut.

3. Es gibt ökumenische und evangelische Kirchenkonferenzen. Wie sie zusammenarbeiten, habe ich jedoch noch nicht herausgefunden.

4. Innerevangelisch bestehen besonders gute Beziehungen der IERP zu den Waldensern; teilweise gab es - siehe Bericht über Young - institutionelle Kooperation. In Montevideo bestehen gute persönliche Beziehungen zwischen der CEAM und den Mennoniten; sie werden gemeinsam in deutscher Soprache den WGT begehen.

5. Schon für den Laien dürfte auffallen, daß in den genannten evangelischen Kirchen auch ein gemeinsames lateinamerikanisches Gesangbuch verwendet wird.

6. Zusammenarbeit erübrigt sich, wo es zu Fusionen kommt. Das ist, wie mir berichtet wurde, in Argenitinen zwischen lutherischen und reformierten Kirchen der Fall gewesen. (Verwirrend nur, daß man dennoch beides - getrennt - findet, wenn man im Internet recherchiert.)

Donnerstag, 21. Februar

Keine Abkühlung, nirgends

Trotz lähmender Hitze unternahm ich mal wieder einen längeren Spaziergang an den Ramblas entlang bis zur Altstadt. Ein unangenehmer Geruch wehte vom Rio de la Plata her - und ich bin genötigt, meine kürzlich getroffene Aussage hinsichtlich der Algenplage nicht nur zu revidieren; ich muß ergänzen: Das Wasser und Ufer war voller toter Fische.

Jerónimo führt das sowohl auf die hohe Wassertemperatur als auch darauf zurück, daß vermutlich mehr Strömung vom Ozean her den Salzgehalt erhöht hat.
In der Altstadt warf ich einen Blick auf die Gottesdienstzeiten der Anglikanischen Kirche - sonntags um neun Uhr in spanischer Sprache und um halb elf auf Englisch -, ehe ich (wiederum zum Normalpreis statt zum Lokaltarif) mit dem Bus zurück fuhr, um dann gleich in unserer Straße auf den Wochenmarkt zu gehen, wo ich trotz alledem Fisch kaufte (genauer gesagt: chilenischen Lachs).

Eine erfreuliche Entdeckung durfte ich später am Tage machen: Pastor Salomon von der Waldenserkirche in Buenos Aires hat Zeit, mich zu empfangen, wenn ich Anfang April dort sein werde.
Auf eine Rückmeldung von Pastorin Hillmann muß ich leider weiter warten.
Für heute sind nicht nur abermals drei Grad mehr angedroht, es sind auch Freunde oder Bekannte von Pastor Granados aus Argentinien angekündigt, und er hat mich eingeladen dabeizusein, wenn sie am späteren Vormittag zu Besuch kommen.
Für den Nachmittag steht der erste Frauenkreis nach der Sommerpause auf dem Programm, und ich freue mich auf die Begegnung mit schon bekannten und noch unbekannten Gemeindegliedern.

Jerónimo Granados fragte mich, inwieweit das Zwingli-Jahr bei uns begangen würde; hier sei das durchaus geplant.
Ich berichtete ihm von meiner Entdeckung auf “reformiert-info.de”, wo ich gestern auf eine Kolumne stieß, in welcher ein derzeit bereits erfolgreich in der Schweiz laufender Spielfilm besprochen wurde, der zum Reformationstag - dann hochdeutsch synchronisiert - auch in Deutschland in die Kinos kommen wird, aber beim Kirchentag auch vorher schon zu sehen ist und ebenso ausgeliehen werden kann.
Ich stellte fest, daß auf der Website der EKBO zwar das Barth-Jubiläum (kurz) erwähnt wird, vom Zwingli-Jahr jedoch keine Spur zu entdecken ist.

Die CEAM - wenn auch deutschen Ursprungs - hat den Schweizer Botschafter in dieser Angelegenheit kontaktiert. Jerónimo schwebt vor, im März eine Veranstaltung (am liebsten natürlich mit dem Schweizer Botschafter) zu machen, in welcher die Bedeutung Zwinglis gewürdigt wird. Die Botschaft hat zurückhaltend reagiert, weil es a) sich um eine religiöse Angelegenheit handelt und b) nicht Schweizer, sondern Deutsche angefragt haben.

[Erklärung zum Foto: Wir sind, was wir tun, um zu verändern, was wir sind*.]

*Der Spruch von Eduardo Galeano paßt natürlich nur sehr ungefähr zur Thematik - aber doch insoweit, als die Zürcher Reformation einen deutlich politischen Aspekt beinhaltet, der seinerzeit Gegenstand meiner Examensarbeit war.

Freitag, 22. Februar

Alle einig

Am späten Vormittag trafen sich im schattigen Garten des Pfarrhauses alte Freunde und Bekannte von Jerónimo, von denen eine Frau in Argentinien lebt, die anderen - ebenfalls Argentinier - aber in der Nähe von Montevideo; eine Freundin war verhindert, so waren wir zu sechst.

Dieses herzliche Wiedersehen, an dem ich teilhaben durfte, bestand zum gut Teil aus Diskussionen über Politik, Psychologie, Philosophie, Theologisches. Die Menschenrechtlerin, der Buchhändler und ich stimmten in vielen Einschätzungen - z.B. hinsichtlich der in vielen Ländern zu beobachtenden Spaltung der Gesellschaft - überein. In diesem linksintellektuellen Zirkel habe ich mich sehr wohl gefühlt. Auch wenn alle Deutsch konnten und freundlicherweise auch sprachen - ab und zu fiel man dann doch ins Spanische; aber auch dann verstand ich das überaus meiste.
Ein Grund ihres Kommens bestand darin, die Flut der angesammelten Bücher im Kirchvorraum zu begutachten - doch es blieb bei einer oberflächlichen Betrachtung und einer Verabredung für ein anderes Treffen.

Dann hieß es plötzlich: “Willst Du mitkommen? Ich habe jetzt ein Treffen der christlich-jüdischen Gemeinschaft.” Natürlich wollte ich! Das kurze Arbeitstreffen zeugte von freundschaftlicher Verbundenheit, ohne Umschweife kam man auf die anstehenden Fragen - die eher technischer Natur waren - zu sprechen und verschonte sich gegenseitig nicht vor kleinen Neckereien. Das habe ich zwar - unter lauter Platenses, die in Fahrt kamen - kaum inhaltlich verstehen können, aber atmosphärisch war das nicht zu verkennen.

Hier darf ich einen kleinen Nachtrag zum Thema “Ökumenische Beziehungen” machen: An dem Gespräch des Leitungskreises nahmen ein jüdischer, ein katholischer und ein evangelischer Vertreter teil. Ein Vieraugengespräch mit dem Bischof von Montevideo ist für Freitag vorgesehen - zu meiner großen Überraschung findet es in der CEAM statt; auch hier darf ich wieder dabei sein.

Am Nachmittag dann das erste Treffen des Frauenkreises nach der Sommerpause - obwohl hier erwähnt werden darf, daß der Sommer keineswegs vorüber ist, sondern noch einmal voll aufgedreht hat.
Allmählich trudeln die Damen ein. Einige waren frühzeitig gekommen und haben Wasser gekocht, das für Pulverkaffee und Tee bereit steht. Die Tische wurden teils mit Keksen, teils mit selbstgebackenem Kuchen gedeckt. Auch zwei Kerzen stehen bereit für die Geburtstagskinder der Zwischenzeit. All dies geschieht ohne hauptamtlich verantwortliche Person, ohne die Erwartung, daß man - also “die Kirche” - für uns (die Eingeladenen) etwas tun solle. Man (bzw. frau) tut, was getan werden muß, damit das Treffen stattfinden kann, weil es denen, die daran teilnehmen, wichtig ist, daß es stattfindet.

Zu Beginn ein gesungenes Tischgebet, dann wird Kaffekränzchen gehalten, und es wird sehr laut, denn - siehe Foto - es sind nicht wenige, die Woche für Woche an dem Treffen teilnehmen, außerdem hallt es wegen der vielen Fenster des Barbacoa-Raumes, und nicht zuletzt spricht man in der spanischsprachigen Welt üblicherweise lauter als bei uns. Ich beantworte kurz die an mich herangetragenen Fragen zu den Gründen meines Hierseins und unterhalte mich ansonsten vor allem mit meiner Nachbarin, die zu den Mennoniten gehört und von ihrem ehrenamtlichen Engagement in einer Jugendstrafanstalt berichtet.
Zwischendurch gibt es ein Geburtstagsständchen, woraufhin eine der betroffenen Damen in die Küche geht und noch eine Torte herbeiholt, von der nun alle ein Stück essen dürfen / müssen - selbstverständlich mit dulce de leche hergestellt, also weitaus süßer als in Mitteleuropa verbreitet.
Gegen Ende löst sich die Versammlung in Grüppchen auf. Ich beteilige mich an den Besprechungen zur technischen Vorbereitung des Weltgebetstages, der in deutscher Sprache - wie jedes Jahr - in der CEAM stattfinden wird. Wir einigen uns darauf, daß ich eine Bibellesung übernehme, denn eine Andacht oder Predigt sieht das Konzept gar nicht vor. Im Vergleich zwischen dem spanischen WGT-Heft und dem deutschen fällt nicht nur auf, daß ganz andere Lieder gesungen werden - irgendwer weicht hier vom Original ganz offensichtlich ab. Es fehlt auch die stets übliche Bildbeschreibung in der deutschen Ausgabe. Ich rege an, schlichtweg den spanischen Text zu übersetzen und vorzulesen; das findet allgemeine Zustimmung.

Am Abend dann endlich die ersehnte Antwort aus Nueva Helvecia: Alles klar, ich kann am WE 8.-10. März dorthin fahren.

Noch später am Abend dann - ich habe eigentlich den ganzen Tag über nur Süßes gegessen - gehe ich um die Ecke in ein neueröffnetes venzolanisches Restaurant (ja, das klingt ein wenig makaber) und sitze in Hörweite eines mit deutschem Akzent sprechenden, ein wenig hilflos wirkenden österreichischen Touristen aus Berlin, mit dem ich, nachdem ich ihm geholfen habe, die Speisekarte zu verstehen, noch den ganzen Abend sehr angeregt plaudere.

Sonnabend, 23. Februar

In trauter Runde

Der Bischof der Diözese San José de Mayo, Arturo Fajardo, gehört mit zum Leitungsgremium der christlich-jüdischen Gesellschaft und war gestern zu Gast (!) in der CEAM, ebenso auch wieder der Sekretär dieser Organisation, der mir bereits bekannte katholische Diakon (der öfter auch mal zum Chauffeur wird), welcher aber auch einen weltlichen Beruf ausübt und mich in diesem Zusammenhang eingeladen hat, ihn bei einer seiner nächsten Fahrten nach Minas zu begleiten, damit ich auch diesen Teil von Uruguay einmal zu sehen kriege.
Erstmals wurde das eigentliche Pfarrbüro zum Schauplatz des Geschehens - ein gediegen ausgestatteter Raum, der reichlich Platz bietet für derartige kleine Besprechungsrunden. [Ich bitte die Qualität des Fotos zu entschuldigen.]

Man kam wieder ohne Umschweife zur Sache, kennt und vertraut sich gegenseitig.
Abermals war ich sprachlich weitestgehend draußen, als die Männer so richtig in Fahrt gekommen waren. Aber es gab auch ein paar Wortwechsel, an denen ich aktiv beteiligt wurde, und manches ließ mich sehr staunen:
Der Bischof, dessen Amts- und Wohnsitz etwa neunzig Kilometer westlich von Montevideo liegt, ist - wie immer - im Bus angereist. Weder besitzt er ein Auto noch gar einen Chauffeur.
Er betonte schmunzelnd (und nicht ohne Stolz), daß er auch selber seine Wäsche wasche und das Essen koche. Dieser sympathische und bescheidene Mann hatte nichts von einem “Würdenträger”, wie man ihn hierzulande kennt (und insbesondere in einer solchen Position auch erwartet), abgesehen vielleicht von dem großen, wenn auch schlichten Kreuz, das ihm um den Hals hing.
Letzten Endes ging es einmal mehr um die Vorhaben dieses (weltlicherseits von den Präsidentschaftswahlen bestimmten) Jahres 2019, und nach einem kurzen Telefonat mit dem Rabbiner wurde endgültig der Termin für die nächste Vorstandsitzung festgelegt.

Sonntag, 24. Februar

Offene Tür, offene Ohren, offene Menschen

Aída ist wieder pünktlich um zehn Uhr vor Ort, um die üblichen Gottesdienstvorbereitungen zu erledigen - nur daß diesmal die Mitglieder des Chores “De Profundis” unter der Leitung von Caspar Wein noch früher dran waren. Außerdem sind bereits Vorbereitungen getroffen worden - u.a. steht ein Beamer bereit, um die (heute verkürzte) Gottesdienstordnung und Lieder zu projizieren; denn Kopien für eine unbekannte Zahl von Teilnehmenden wären unverantwortbar teuer geworden.
Aída wird im März ihre Tochter in Australien besuchen. Ich werde sie also erst im April wiedersehen.
Mit einigem Aufwand wurde sowohl für diesen Chor-Gottesdienst als auch für das Konzert am heutigen Abend geworben, und wenn man in Rechnung stellt, daß die Wege weit sind, dann hat es sich gelohnt; denn die Kirche ist recht gut besucht.

Das lohnt sich auch für alle Teilnehmenden - denn wenn ich auch ein sehr wählerischer Musikliebhaber bin, so höre doch auch ich, wieviel Können die Sänger/inn/en an den Tag legen und so alle Anwesenden erfreuen. Sie bieten nicht nur ihr Programm dar, sondern beteiligen sich auch am Gemeindegesang - selbst bei den deutschsprachigen Liedern.
Unter der Leitung von Jerónimo Granados, der auch die Predigt in spanischer Sprache hält, bin ich immerhin beteiligt und spreche u.a. zwei Gebete auf Deutsch. Auch hiervon ist die Gemeinde sehr angetan.

Am Ausgang wird noch ein wenig geplaudert, z.B. mit einem Vertreter der niederländischen Gemeinde, mit dem früheren Langzeit-Präsidenten der CEAM, Herrn Brandner, einem Freund und Kollegen von Herrn Dr. Teske. Ferner gibt es ein Wiedersehen mit dem spanischsprachigen Katholiken, der mich gern länger sprechen möchte, was wir abermals verschieben müssen.
Da Frau Teske, wie sie mir mitteilt, zugesagt hat, den Pastor morgen Nachmittag zur Deutschen Schule Montevideo zu fahren, ist der Ausflug nach Punta del Este auf Dienstag verschoben. Es klingt aber immerhin so, als ob wir dann tatsächlich fahren werden..

Montag, 25. Februar

Ganz Ohr

Mit einer landestypischen kleinen Verspätung begann vor einem leider nur spärlich versammelten Publikum ein Klavierkonzert mit Maestro Laviano, der uruguayische Kompositionen des 20 Jahrehunderts sowie ein eigenes Werk zur Aufführung brachte - der junge Mann ist 1984 geboren.
Wieder hatte Aída Kirchdienst; diesmal wurde die Erwartung einer Einlaßspende von mindestens 100 Pesos sehr deutlich zum Ausdruck gebracht.
Zu Beginn wurden die Anwesenden von eben jener Aída begrüßt, anschließend sprach Jerónimo ein paar einführende Worte.
Der Künstler indes setzte sich ans Instrument und spielte drauflos. Die Stücke sollten etwas mit dem Karneval zu tun haben, hieß es - doch das erschloß sich nicht nur mir nicht. Interessant war es allemal. Ich würde den Charakter der meisten Stücke als expressionistisch beschreiben. Nach kaum einer Stunde war die Veranstaltung schon wieder zu Ende. Die Zuhörenden zeigten sich angetan.

Mehr als die Musik erfreute mich die Gelegenheit, mit ein paar Leuten ins Gespräch zu kommen. So traf ich ein deutsch-uruguayisches Ehepaar  - er evangelisch, sie katholisch, sie Professorin für Geschichte, er Versicherungskaufmann: Sie war zum ersten Mal in der CEAM-Kirche und erzählte mir von ihrer Forschung über deutsche Einwanderer, ich berichtete ihr von meinem Studienvorhaben. Obwohl sie kein Wort Deutsch spricht, bekundete das Paar, am nächsten Sonntag in meinen Gottesdienst kommen zu wollen.
Vor der Tür dann ein Smalltalk mit deutschsprachigen Konzertbesuchern, die ich ebenfalls in den Gottesdienst einlud; sie werden am 3. März gar nicht im Lande sein, bekam ich zur Antwort.

Mittwoch, 27. Februar

Sommer, Sonne und mehr

Der Schein trügt: Es ist zwar sonnig, aber sehr windig und deshalb kühl. Das Wasser ist herrlich anzuschauen, und ich konnte - und werde nachher abermals - meiner Liebslingsbeschäftigung nachgehen, nämlich am Strand spazieren zu gehen.

Aber auch unser Aufenthalt in dem Tourismusort Uruguays, Punta del Este, ist von intensiven Gesprächen geprägt, zu denen wir hier - wie auch schon auf der langen Fahrt gestern - reichlich Gelegenheit haben.

Morgen steht der Besuch jener katholischen Kapelle auf dem Programm, in der von Zeit zu Zeit Gottesdienste stattfinden.

Da wir dann vermutlich erst am Abend zurück in Montevideo sein werden, kann ich erst am Freitag weiter berichten; am Freitag gibt es wiederum ab dem frühen Nachmittag so viel Programm, daß ich am Sonnabend vermutlich eine ganze Menge mitzuteilen haben werde.

Freitag, 1. März

Visite - Visitation - Supervision

Traudy Teske weiß viel über die IERP und noch mehr über die CEAM, nicht nur (aber auch), weil sie lange Jahre erst Vizepräsidentin und später Präsidentin der comisión directiva war.
Wir haben uns ausgiebig über Geschichte und Gegenwart der Gemeinde unterhalten - immer in einem Misch aus Spanisch und Deutsch, d.h. wenn sie auf Deutsch nicht mehr weiterkam, wurde ins Spanische gewechselt, und wenn mir die Worte fehlten, dann gingen wir wieder zum Deutschen über.

Ich kann hier nur pauschal beschreiben, was mir dabei deutlich geworden ist, um in der Öffentlichkeit dieses Raumes niemandem zu nahe zu treten:
Zum einen scheint von der - als stark argentinienzentriert beschriebenen - IERP nicht wirklich Kirchenaufsicht betrieben zu werden, oder sagen wir es klassisch: Es gibt offenbar das Instrument der Visitation nicht. Selbstkritisch muß hinzugefügt werden, daß auch der Distrikt Uruguay (mit seinen drei Gemeinden und drei Theolg*innen) dies nicht organisiert bekommt.
Zum anderen, was die CEAM betrifft, wurden einige organisatorische und strukturelle Mängel bereits erkannt. Doch wirkt sich die fehlende Sicht (und der fehlende Druck) von außen auch hier nachteilig aus, weil denjenigen, die etwas verändern wollen, die Durchsetzungskraft fehlt, auch mal jemanden gegen dessen Willen zu anderem Verhalten zu veranlassen.

Als Beispiel nenne ich einen Kreis, der unserem Geschäftsführenden Ausschuß vergleichbar ist und dem bislang die Vizepräsidentin nicht angehört. Das hat dem Vernehmen nach der Pastor so gedeichselt, weil die beiden immer wieder aneinander geraten (was wohl wiederum damit zu tun hat, daß die Vizepräsidentin auch die Kassenprüferin ist und eine sehr penible - und daher unbequeme - Art hat, ihr Amt auszuüben). Eigentlich geht das gar nicht, daß die Vizepräsidentin nicht auf dem Laufenden ist - umso weniger, wenn man eine zwar sehr gutwillige Präsidentin hat, der aber sowohl die langjährige Erfahrung fehlt als auch die Vielfalt an Kontakten sowie die Möglichkeit, sich schnell mitten hinein ins Gemeindegeschehen zu begeben.
[Das erinnert mich irgend etwas, das weit von hier entfernt ist.]

Die Nachbarin von Waltraud Teskes Apartment in Punta del Este ist eine fromme Katholikin, ihre Tochter noch ganz erfüllt vom Weltjungendtreffen in Panamá, an dem sie teilnehmen durfte.

Die beiden waren so überaus freundlich, uns jene Kirche zu zeigen - nämlich ihre -, in welcher die CEAM ab und zu ihre Gottesdienste in Punta del Este feiern darf: Nuestra Señora del Candelario. Damit nicht genug: Die gute Frau hat sich dafür extra eine Stunde frei genommen von ihrer Arbeit und uns in ihrem Auto chauffiert.

Am Abend zuvor waren wir miteinander ins Gespräch gekommen, wobei mir Fragen gestellt wurden wie etwa die, ob die Evangelischen auch an Jesus Christus glauben oder ob wir das Vaterunser beten, welche offenbaren, daß es mit ökumenischer Gemeinschaft nicht weit her sein kann, wenn derartige Unkenntnis herrscht - und das, obwohl es in Uruguay zwar keinen Religionsunterricht an staatlichen Schulen gibt, wohl aber - neben “valores” (= Werte) - das Fach “Geschichte der Religionen”. Wie es scheint, wirkt sich dieses jedoch nicht nachhaltig persönlichkeitsprägend aus. (Oder war Maria auf einer katholischen Schule und weiß deshalb nichts über die Protestanten? Ich habe sie das leider nicht gefragt.)

Sonnabend, 2. März

Auf dem Holzweg

Am Treffen des Ökumenischen Rates Uruguays teilzunehmen, war mir wichtig; aber dummerweise verzichtete ich auf das Angebot von Waltraud Teske, mich mit ihrem Auto abzuholen.
Sie schickte mir eine Whatsapp mit dem Treffpunkt - doch den fand ich nicht. Da ich etwas gehört zu haben meinte über die Methodistenkirche in der Avenida General Garibaldi, lief ich dorthin. Doch dies erwies sich als Irrtum, der, als ich ihn bemerkte, nicht mehr zu korrigieren war, denn ich befand mich zu weit weg vom tatsächlichen Tagungsort nahe der Plaza Independencia, als das Treffen begann.

Traudy berichtete mir später, daß ich dort den (ehrenamtlichen) Leiter des Hogar Amanecer - wohin ich unbedingt noch gehen möchte - nicht getroffen hätte, da dieser derzeit mit der Ernte auf seiner Granja zu beschäftigt ist und deshalb nicht teilnehmen konnte.
Aus der CEAM nahm überhaupt nur Traudy teil, da Jerónimo gerade verreist ist. Mir scheint, es mangelt auch an so wichtigen Punkten wie diesem an verbindlichen Absprachen innerhalb des Leitungsgremiums, wo man diesen Termin bei der letzten Sitzung zumindest hätte in den Blick nehmen sollen, was aber versäumt wurde.
Andererseits war ja Traudy dort und hat eifrig mitgeschrieben. Inhaltlich ging es um die ökumenische Agenda für das laufende Jahr.

Evangelische Ökumene deutscher Sprache

Wie in jedem Jahr, fand auch gestern wieder in der calle Juan Manuel Blanes am Nachmittag der Weltgebetstag in deutscher Sprache statt, liebevoll vorbereitet von Damen des Frauenkreises unter Beteiligung von Mitgliedern des Mennonitengemeinde. Ohne Kirchenmusiker wurden die Lieder vom Laptop eingespielt - erst zum Reinhören und dann noch einmal von vorn zum Mitsingen; das ging auch.

Mir war eine Lesung zugewiesen worden und zusätzlich die Segensbitte. Als wir an die - bisher von allen übersehene - Stelle kamen, die der Verkündigung zugedacht war (mir fiel auf, daß plötzlich zwei Lieder hintereinander gesungen werden sollten), wurde spontan wenigstens noch die Beschreibung des Titelbildes eingefügt als minimaler inhaltlicher Input.
Der Botschafter war auch wieder zugegen, mußte aber etwas früher gehen. Traudy hingegen schaffte es nicht, zum WGT zu kommen, denn die CICU dauerte entgegen der Voraussage bis etwa 16 Uhr; ich traf sie dann am Abend.
Nach den etwa 75 Minuten Gottesdienst saßen wir dann im Garten bei Kaffee und Kuchen und plauderten, bis gegen halb sieben aufgeräumt wurde. Ein Ehepaar aus der Mennonitengemeinde brachte mich dann zur Iglesia San Pablo.

Spanischsprachige Ökumene

Diesmal waren die Methodisten Gastgeber des Día Mundial de la Oración. Aber ohne die Band der Heilsarmee wäre es nicht so ein fröhlicher Gottesdienst geworden, bei dem die Gemeinde - alle kennen und nutzen dasselbe Himnario - lauthals die beschwingten Lieder mitsang.

Begrüßt wurden wir von einer Dame aus der Waldenserkirche, die dem Vorbereitungskomitee angehört. Die Predigt hielt eine Pastorin der Methodisten, aktiv beteiligt waren außerdem junge Methodistinnen und Heilsarmee-Soldatinnen sowie eine Frau vom Hogar Amanecer (die Kollekten beider Weltgebetstagsgottesdienste flossen diesem Waisenhaus zu, das gemeinsam von der CEAM und den Methodisten betrieben wird).

In der Vorbereitung wirkten auch Katholikinnen mit, und auch die Mennotiten und die Deutsche Evangelische Gemeinde gehören dieser Ökumene an.

Für mich besonders interessant waren zwei Begegnungen:
Ich wechselte ein paar Worte mit einem Pastor der Methodisten, welcher von Haus aus Mennonit ist und mir erzählte, daß er seine Ausbildung im wesentlichen bei den Jesuiten genossen hat.

Und dann lernte ich einen der wenigen uruguayischen evangelischen Pfarrer kennen, welcher allerdings seit 10 Jahren ebenfalls  - “leihweise”, wie es hieß - für die Methodisten arbeitet. Mit ihm werde ich mich auf jeden Fall noch treffen, damit er mit mehr über die innerevangelische Ökumene und das Verhältnis insbesondere zwischen unserer Partnerkirche und seinem jetzigen Arbeitgeber erzählt.

Bislang kam zur Sprache, daß es zwar bedauerlicherweise zum Streit - und sogar Bruch - kam hinsichtlich der theologischen Ausbildungsstätte in Buenos Aires. Das Verhältnis zwischen den anderen evangelischen Kirchen und den Methodisten (welche derzeit einen theologischen Lehrstuhl an einer von ihnen betriebenen Privat-Universität im Norden Argentiniens einrichten) sei davon aber nicht berührt.

Ferner erfuhr ich, daß es eine gewisse Durchlässigkeit von einer evangelischen Denomination zur anderen gebe. Daß das ganz frei von Konkurrenz und Eifersucht abgeht, halte ich jedoch für unwahrscheinlich.

Außerdem informierte mich Jorge Gerhardt, der in Deutschland studiert hat und akzentfrei Deutsch spricht, darüber, daß die Waldenser die zahlenmäßig größte Evangelische Kirche darstellen, die Methodisten aber seit ihrer Gründung (Nordamerikanische Mission) darauf geachtet hätten, in allen relevanten Städten präsent zu sein.

Und noch etwas, das wir unbedingt aufgreifen sollten, kam zur Sprache, das ich hier nur skizziere: Während die IERP - bei faktisch lutherischem Bekenntnisstand - eine weitgehende Eigenständigkeit ihrer Gemeinden kennt (Kongregationalismus), ist bei der Iglesia Metodista nur die Gesamtkirche ein eigenständiges Rechtssubjekt - die Gemeinden besitzen noch nicht einmal “ihre” Kirchgebäude.

Unter Kameraden

Ewig hat es gedauert, bis der Bus der Linie 494 kam, der den Fluß überquert (und nicht etwa in der Pampa endet). Als ich ausstieg, merkte ich allerdings, daß es noch eine dritte Endstation gibt, nämlich genau vor der Brücke, wo ich aussteigen muß; ich hätte also die beiden “falschen” Busse nicht wegfahren lassen müssen.

Ich bleibe im Restaurant des Ruderclubs hängen, wo ich einen Eiscafé, noch mehr aber ein angeregtes Gespräch mit Sportsfreunden genieße.

Hier kann ich mein bei Traudy erworbenes Wissen einbringen, als wir über Obdachlosigkeit diskutieren. Ja, es stimmt, daß der Staat sich kümmert, daß es Herbergen gibt; nur will da im Sommer kaum einer einquartiert werden - zumal man weder seinen Hund noch seine Freundin mitbringen kann.

Ob mir Uruguay gefalle und was hier wirklich anders sei, werde ich gefragt. Zwei konträre Beispiele fallen mir ein: Während es offenbar keinen wirklichen Kündigungsschutz für Angestellte / Arbeiter gibt, hat man es hier anscheinend als Vermieter schwer, einen Vertrag zu kündigen, sofern der Mieter pünktlich zahlt; und als Minimum für Mietverhältnisse gelten zwei Jahre.

Am Abend will der Bus einfach nicht kommen. Da hält ein Auto: Horacio (von der Nachmittagsrunde) fragt, ob er mich mitnehmen soll. Wir brausen in seinem SUV  über die Ruta 1, und er setzt mich an einer Haltestelle ab, von der aus nach wenigen Minuten tatsächlich ein Fahrzeug verkehrt, das mich ganz in die Nähe der J.M. Blanes bringt.

Sonntag, 3. März

Predigt für den Gottesdienst am letzten Sonntag vor der Passionszeit (Estomihi)

Gnade und Friede sei mit uns allen,
an denen Gott hat sein Wohlgefallen
um Christi willen, der uns geliebt,
im Heiligen Geiste, den er uns gibt.

Amen. Ihr wundert euch?
- Und warum nicht?
Denn niemand kennt hier ein Predigt-Gedicht.
Ich will euch die Botschaft in Versen heut sagen
und hoffe, daß niemand am Ende wird klagen;
denn ernst ist gemeint, was ich gereimt.

Draußen ist Karneval: Tanzen und Singen.
In Deutschland die Büttenrede ist Brauch -
und ich dachte mir: das kann ich auch,
will das Evangelium zum Leuchten bringen.

Die Geschichte zu verlesen, lasse ich sein,
denn ich flocht in meine Verse hinein,
was geschrieben hat Lukas in Kapitel zehn
- schaut ruhig dort nach, ihr werdet’s schon seh’n:

Der Schwestern Maria und Martha Mär
hab zu Liedern geformt ich - hört zu, bitte sehr!

Marthas Lied

Ach Jesus, Rabbi, Freund, darf ich es wagen,
eine Einladung nach Haus’ dir anzutragen?
Und bin ich auch der Mann im Hause nicht
- denn das ist Lazarus, mein Bruder -
sitz dennoch faktisch ich daheim am Ruder;
gern hätt’ ich dich mal ganz allein für mich
und für Maria, meine Schwester. Sei uns bitte Gast,
berichte, was von Gott du uns zu sagen hast!

O ist das schön, daß du hast angenommen
und heute bist in unser Haus gekommen!
Setzt dich nur hin und ruh dich aus,
und laß dich waschen, laß dich kühlen,
du sollst dich wohl in unserm Haushalt fühlen;
zieh dich jetzt mal für ein paar Stunden raus:
Laß sein das Heilen und das Lehren,
komm ganz zur Ruhe und laß dich verwöhnen
von tiefer Stille und von leisen Tönen,
auf daß sich deine Kräfte wieder mehren!

Ach, Maria, schön ist’s, dich zu sehen!
Ich hätt’ dich gerne bei mir in der Küche,
daß balde schon des Kochens Wohlgerüche
verlockend in die Stube wehen;
zugleich beim Putzen und Versorgen
darfst gerne du mir deine Kräfte borgen. -
Was heißt hier: “borgen”? - Ist es nicht
unser beider prinzipielle Pflicht,
was nötig ist, für’s Gästewohl zu tun,
- was auch immer sich läßt denken -,
daß wir ihm all uns’re Liebe schenken,
und gar nicht eher auszuruh’n,
als bis vollkommen ‘s ist vollbracht -
und danach speisen bis zur Nacht.
Dann laß uns an sein’ teuren Lippen hängen,
aufmerksam, doch ohne ihn zu drängen!

Wo bleibt sie nur, er sitzt doch längst zu Tisch;
sie wird mich doch nicht etwa hängen lassen?
O, manchmal könnt’ ich meine Schwester hassen...
“Ist alles gut bei euch? - Ich schuppe g’rad den Fisch.”

Ach, mein Herr Jesus, endlich faß ich Mut
und sprech dich, Meister, direkt an, daß du
doch bitte meiner Schwester redest zu:
Ich hätte furchtbar gern, daß sie was tut!
Auf dein Wort, bin ich sicher, wird sie hören;
danach will ich gleich schweigen, statt zu stören.

Marias Lied

Ach Martha, Martha - ich versteh dich nicht.
Du warst es, die den hohen Gast gebeten,
in unsere arme Hütte einzutreten.
Wir sind im Dunkeln - und er ist das Licht.

Du hast ja recht - die Pflicht ruft immerzu;
doch manchmal muß davor die Ohren man verschließen,
ich möchte diesen Augenblick genießen,
an seinen Lippen hängen ganz in Ruh’.

Ich weiß ihn sehr zu schätzen: deinen Fleiß.
Doch tadle mich jetzt bitte nicht so sehr;
ihm fernzubleiben ist zu schwer
für mich, ein allzu hoher Preis.

Der große Prediger und Heiler ganz privat:
Kein Volk, das flehend ihn umringt,
und niemand hier, der “Hosianna” singt
oder ihn bittet um ein Schriftzitat.

Es ist nicht etwa seine Männlichkeit,
die mich wie kaum was anderes erregt;
es ist in ihm ein Zauber, der bewegt,
denn ihn umgibt ein Hauch von Heiligkeit.

Ich bin in seinen Worten ganz versunken,
die treffen und entlarven mich;
man spürt zutiefst, daß er die Wahrheit spricht -
und davon bin erfüllt ich, beinah’ trunken.

Daß Gott die Liebe ist, das hat man uns gelehrt.
Doch was sind Worte, was ist Theorie?
Wie man sie lebt, das zeigte man uns nie;
das lebt und sagt uns, den zu recht man ehrt.

Er hat mich angesehen - ich blickte zurück.
Er würdigt mich, ein Mensch zu sein wie er,
nicht eine Frau, ein Sklave ohne Ehr’;
schon das ist mir ein riesengroßes Glück.

Doch denke nicht, es sei die Eitelkeit
und daß auch mich einmal wer sieht,
was mich so fesselt! Es geschieht,
worauf so lang wir vorbereit’:

Er ist der Retter, den wir heiß ersehnt,
Gottes Messias, der uns prophezeit,
auf den zu warten kostete viel Zeit
und den die Priester abgelehnt.

Es ist doch keine Laune, Schwesterlein:
Ich muß dem Meister hier zu Füßen liegen
und seinen Worten lauschen, die schwer wiegen
- und endlich voller banger Hoffnung sein!

Jesu Lied

Ich möcht’ euch danken für Gastfreundlichkeit,
ihr lieben Schwestern! Es war höchste Zeit,
sich mal dem Rummel und dem Drängen zu entziehn
und in ein friedliches Refugium zu flieh’n.
Nun bin ich ausgeruht, gesättigt und gestärkt.

Sechs Tage sollst du deine Arbeit tun,
doch an dem siebten ist’s geboten auszuruh’n;
auch wenn ich weitersage meines Vaters Wort,
mit Zeichen es beglaubige an manch’ Ort:
Den Willen Gottes tun, ist kräftezehrend Werk.

Wollt ihr mich bitte nicht, wie alle sonst, umringen,
und Schiedsrichter zu sein mich zwingen!
Es ist für mich ermüdend, kostet viel,
wenn recht zu kriegen ist eu’r erstes Ziel.
Schon einmal ging das sehr sehr bitter aus.

Als ich gefragt, wer werf’ den ersten Stein,
und sagte: “der muß ohne Sünde sein” -
da war das Publikum betroffen und beschämt.
Allein die Frau war frei, nicht mehr gelähmt
von Todesangst; dankbar ging sie nach Haus’.

Ihr habt ja beide recht getan:
Dir, Martha, sieht die Müh’ man an,
die du für mich auf dich genommen,
da ich in meines Freundes Haus gekommen;
ich dank dir vielmals, herzensgute Maid!

Treue Maria, du hast gut gewählt,
zu lauschen, was ich dir erzählt.
Denn dazu bin ich in die Welt gekommen,
damit die Liebe Gottes wird vernommen
in Wort und Tat genau zu dieser Zeit.

Wozu sind all die alten Schriften gut,
wenn man nicht, was geschrieben darin, tut
und hält die Hoffnung aufrecht, daß man harrt
Gerechtigkeit und Frieden - nicht genarrt
von selbsternannten Rettern ohne Zahl.

Ist Gott allmächtig, wozu dann das Leiden?
Wenn Gott die Liebe ist - warum nicht vermeiden
die Armut, Krankheit, Einsamkeit und Tod?
Gott hört euch, und er hilft aus Not
- jedoch nicht mit den Mitteln eurer Wahl.

Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Ich bin gekommen, um mich hinzugeben:
zu sterben, damit stirbt der Tod
und niemand andern damit je noch droht.
Dazu muß ich den Kelch zur Neige leeren.

Ich möchte nicht, daß ihr mich mißversteht
und in mir einen Sieger-Helden seht.
Ich werde leiden müssen - ihr haltet’s für Scheitern,
bis Gott wird euern Horizont erweitern
und euer Herz sich zu mir hin wird kehren.

Gott will Vertrauen und daß ihr entsagt
aller Gewalt und so zu lieben wagt,
wie er euch je und je geliebt.

Seht ihr das Kreuz, denkt an meine Mission:
Gott liebt die Welt, und dafür zeugt der Sohn,
der für das eure Leben euch sein Leben gibt.

Schluß

Jetzt ruf ich jenen zu, die Predigt hören kamen:  
Wenn ihr mir zustimmt, dann sagt ihr jetzt (Amen).

Montag, 4. März

Von außen betrachtet

Drinnen war kein Handy erlaubt, also konnte ich den Amtssitz des deutschen Botschafters nicht fotografieren - und draußen war es trüb, außerdem ist die Botschaft überwiegend vom Bolívar-Denkmal verdeckt...
Herr von Voß hatte mich eingeladen, ihn mal zu besuchen - möglichst in dieser Woche, da er danach für längere Zeit nicht im Land sein werde.

Sehr gern habe ich angenommen und bin gleich heute hingegangen.

Wir tauschten uns über unsere Wahrnehmung hinsichtlich des Landes aus, und ich erfuhr noch einiges mehr z.B. über das Schulsystem und das doppelte Problem der einerseits zahlreichen unausgebildeten Uruguayer (die öffentliche, kostenlose Schule wird gern mal geschwänzt oder abgebrochen) und andererseits der sehr gut ausgebildeten Uruguayer, die hier oftmals keine ihrer Qualifikation entsprechende gut bezahlte Anstellung finden.

Im Mittelpunkt des Gespräches aber stand die Situation der CEAM.

Herr von Voß erzählte mir, daß er an seinen zahlreichen vorherigen Stationen stets eine Deutsche Gemeinde angetroffen habe, in der selbstverständlich Deutsch gesprochen wurde und in der die Familienangehörigen jener Personen ein wichtige Rolle spielten, die auf Zeit im Land leben und entweder in einer deutschen Firma oder staatlichen Einrichtung (wie etwa dem Goethe-Institut) tätig sind.

Die gebe es hier so gut wie gar nicht, und man kann jetzt darüber spekulieren, ob die  möglicherweise dennoch in gewisser Zahl vorhandenen Deutschen, die hier temporär leben, deswegen nicht am Gemeindeleben teilnehmen, weil dies kein Ort deutscher Kultur und Sprache mehr ist, oder ob umgekehrt der deutscher Charakter der Deutschen Evangelischen Gemeinde abnimmt, weil es an Menschen mangelt, die durch ihre aktive Beteiligung eben diesen Charakter lebendig halten.

Herr von Voß favorisiert letztere Erklärung, und das hieße, auf die Personalpolitik übertragen, daß es nicht etwa an Jerónimo Granados liegt, daß Attraktivität der Gemeinde für Deutschsprachige gelitten hat, sondern daß es umgekehrt an der Zeit war, dem bereits eingetretenen Wandel Rechnung zu tragen.

Gleichwohl drückte der Botschafter seine Freude darüber aus, daß mit dem Gastaufenthalt von Caspar Wein und mir frischer Wind in die Gemeinde gekommen sei. Besonders gefreut hat es mich zu hören, daß ihm meine gestrige Predigt gut gefallen hat.

Dienstag, 5. März

Feiertag & Ferien


Ich hatte Glück, daß gestern trotz Feiertag (carnavales - auch heute ist wieder ein día festivo) die meisten Geschäfte geöffnet hatten und so auch der Schalter am Busbahnhof.
Pech nur, daß ich einen Tag zu früh dran war, um die Tickets für die Rückfahrt von Buenos Aires resp. Colonia del Sacramento zu kaufen!
Also muß ich noch einmal nach Tres Cruces pilgern. Aber das kenne ich ja schon: Viel Zeit aufzuwenden ist hier mitunter unausweichlich, zumindest, wenn man nur eingeschränkt über Informationen verfügt, wie das bei mir der Fall ist.

Das allerdings entschuldigt nicht, was mir am Sonntagabend widerfahren ist: Ich wollte ins Kino gehen, hatte mir einen spanischen Film herausgesucht, der in Berlin spielt und auf Deutsch (mit span. Untertiteln) gezeigt wird, und zwar in einem einzigen Kino in Montevideo, das aber - laut google maps - ganz in der Nähe liegt, fußläufig.
Ich nahm die Straßenkarte mit und lief los - aber Fehlanzeige. Ich traf zwei Mädchen an der Ecke jener Straße, wo das Kino sein sollte. Sie waren so freundlich, auf ihrem Handy nachzuschauen, und bestätigten mir, daß ich sozusagen gerade daran vorbei gelaufen sein müsse.
Also zurück und in das Hotel, das sich an jenem Ort befand, wo eigentlich das Kino sein sollte. Jetzt erfuhr ich, daß das Kino geschlossen worden sei.

Ja, was soll denn die Angabe (mit genauer Uhrzeit und allen üblichen Details) im Internet, daß der Film “Julia ist” in der cinemateca, sala 2, gezeigt werde?!
Die Antwort erhielt ich gestern an anderer Stelle im Internet: Das Kino hat nämlich im vorigen Jahr neue Räume in der Altstadt bezogen. Der Film wurde - und wird auch heute - zur angegebenen Zeit im Kinosaal 2 gezeigt; nur daß das Kino inzwischen ganz woanders zu finden ist, als google maps behauptet...

[Fotos: Faro de Punta del Este und Punta Ballena - aufgenommen in der vorigen Woche]

Daß die Schule erst am Aschermittwoch startet, weiß ich ja bereits seit einiger Zeit. Daß aber der Religionsunterricht - und somit auch der Konfirmandenunterricht - erst im April beginnt, habe ich erst vor kurzem erfahren. Da ich in der ersten Aprilwoche unterwegs sein werde und in der zweiten Aprilwoche semana santa - und also erneut schulfrei - sein wird, muß ich mich damit abfinden, daß ich diese Arbeit nicht miterleben werde.

Abgesehen davon, daß jede Studienzeit auch einmal enden muß (und wir vereinbart haben, daß es besser ist, wenn ich zu Ostern wieder in der Gemeinde bin), wächst inzwischen auch ein wenig Heimweh heran, so interessant es weiterhin hier ist.

Mittwoch, 6. März

Geschichten, Geschichte und Gebäude

Als mich Dr. Brandner, wie verabredet, am Nachmittag abholen kam, ging es nicht etwa gleich auf Tour. Er hatte eine Uruguay-Karte mitgebracht und zeigte mir darauf erst einmal,  um wieviel größer das Land einst war (der halbe Bundesstaat Rio Grande do Sul gehörte früher nicht zu Brasilien, sondern zu Uruguay).
Auch bei der wilden Fahrt durch die Stadt bekam ich Informationen zu Gebäuden und Personen, die ich weder alle wirklich erfassen noch erst recht hier wiedergeben kann.
Von der zehnjährigen Belagerung der Stadt (“das neue Troja”) war die Rede und jenem Helden, der dann der erste Präsident des Landes wurde, mit dem die Kinder von Enrique Brandner über die mütterliche Linie verwandt sind.

[Gemeinsam betraten wir den Mercado Agricola, und Herr Brandner hätte mir - wenn wir nur Zeit gehabt hätten - am liebsten den ganzen Weg gezeigt, den seinerzeit die Ochsenkarren vom Landesinneren (vorbei an seinem Heimatdorf) bis zu dieser Markthalle zurücklegten.]
Ich erfuhr von dem einstigen englischen Friedhof an eben jener Stelle (außerhalb der damaligen Stadtmauern - was heute die Altstadt ausmacht), an der sich jetzt die Intendencia befindet.
Er sprach von der antispanischen und antikatholischen Haltung der Bevölkerung außerhalb Montevideos im Unterschied zum Einfluß des Bischof daselbst, was zu Folge hatte, daß “Ketzer” - also Nichtkatholiken - nicht in der Stadt geduldet wurden; und so wurde der erste deutsche Pfarrer bei seinem Eintreffen im Hafen von Montevideo zum Ketzerfriedhof geschickt, wo er dann tatsächlich Glaubensgenossen traf.
Vom mehrmaligen Umzug der Gemeinde war die Rede und von dem zeitweiligen Verbot, Deutsch zu sprechen, von der Zuschreibung einer Identität als entweder jüdisch (=  deutsch) oder nichtjüdisch (= Nazi) am Ende des Zweiten Weltkrieges und unmittelbar danach, als er in die Volksschule ging und darunter zu leiden hatte.
Von den beiden Straßenbahnsystemen der Stadt - ein deutsches im Westen und ein englisches im Osten - wurde berichtet und daß man Ende der Vierziger Jahre während des Gottesdienstes regelmäßig das Vorüberrumpeln der Tram in der calle Juan Manuel Blanes hören konnte bzw. mußte.

Einen - auch hier leider eingeflossenen - Irrtum kann ich nun korrigieren: Die an früherer Stelle im Foto gezeigte Armenische Kirche gehört der Baptistengemeinde; die evangelisch-reformierte Gemeinde befindet sich direkt gegenüber dem Methodistischen Internat (von mir als “Methodisten-Residenz” bezeichnet) in der Avenida 8 de octubre und ist sehr viel bescheidener (und hat außerdem eine ordentliche Beschriftung).

Vorbei am (privaten) Wohnsitz des gegenwärtigen Präsidenten nahe dem Prado-Park (an dessen Rand sich, direkt neben dem Botanischen Garten, der offizielle Dienstsitz des Präsidenten befindet, in welchem die Vorgänger auch zu wohnen pflegten) und dem Denkmal für die letzten Ureinwohner Uruguays, vier Angehörige der Charrúa, die auf die Weltausstellung nach Paris geschleppt und dort “ausgestellt” wurden und dann elendig an TBC eingingen, sahen wir uns noch die lutherische St. Paul / San Pablo - Gemeinde an, von der Missouri-Mission gegründet, aber längst von den USA unabhängig (und statt dessen von Brasilien dominiert). Direkt neben ist deren Colegio, an dem früher auch Deutsch unterrichtet wurde, weshalb mitunter Schüler/innen, die auf der Deutschen Schule wegen Überfüllung nicht angenommen werden konnten, gern dorthin verwiesen worden sind.

Dann hatte es Dr. Brandner plötzlich eilig, denn er wollte mir den Sonnenuntergang über dem Rio de la Plata am liebsten von der Punta Gorda ganz im Osten Montevideos aus zeigen; doch dafür war es zu spät. Also fuhren wir zur Playa Ramirez - fast vor der Haustür - und erhaschten die letzten Sonnenstrahlen, ehe wir in einem x-beliebig aussehenden Restaurant namens Rodelu in unmittelbarer Nachbarschaft eines kleinen Freizeitparks  bemerkenswert gut schmeckende Pizza speisten.

Am Abend spät lief ich dann zur Cinemateca, um jenen Film doch noch anzusehen, der mir am Sonntagabend nicht zugänglich war, weil das Kino ja einen neuen Standort hat. Zurück mit einem jener Busse, die ich inzwischen zu nutzen weiß, als lebte ich hier..

Donnerstag, 7. März

Konzeptionelles

Kultur (besonders Konzerte) in der Kirche ist ein Thema, das Jerónimo Granados, der neben Theologie auch kirchliche Kunst studiert hat, in besonderer Weise in das Gemeindeleben eingebracht hat.
Wobei es auch vorher selbstverständlich Konzerte gab. -
Der Unterschied zu früher besteht zum einen darin, daß die Gemeinde nun nur noch sehr geringe (oder gar keine) Honorare mehr zahlt; sie nimmt ja auch denkbar wenig ein, wenn um 100 $ als Einlaßspende gebeten wird, was nicht von allen als verpflichtend betrachtet wird.
Zum anderen sind diese Konzerte stets kombiniert mit einleitenden Worten des Pfarrers, der auch derjenige ist, welcher diese Konzerte initiiert.

Das heißt, die Konzerte sind einerseits Bestandteil des inhaltlichen Profils der Gemeinde und dienen ausdrücklich nicht in erster Linie der gepflegten Unterhaltung. Andererseits sind sie aber ein niederschwelliges Angebot, das auch jenen zu kommen erlaubt, die als Katholiken, als Gäste, als Nichtchristen sonst keine Veranlassung (und womöglich nicht den Mut) hätten, das Kirchgebäude überhaupt zu betreten.
Ich habe es schon erlebt, daß Passanten bei offener Kirchentür fragten (obwohl sie vor dem Schaukasten standen), wann denn das nächste Konzert stattfinde.

Freilich sind die Konzerte, wenn auch relativ häufig, mehr als pure Routine. Man geht nicht aus Gewohnheit zur 14tägigen musikalischen Andacht, sondern sucht aus und wählt jene Termine, die einem von der Konzeption her zusagen. Nach meiner Beobachtung ist eine erfreuliche Vielfalt sowohl hinsichtlich der Ensembles / Künstler als auch im Hinblick auf das Repertoire / die musikalischen Stile und Epochen im Angebot.

Freitag, 8. März - Internationaler Frauentag -

hitzefrei?

Heute habe ich leider kein Foto für Euch...

Eigentlich sollte hier zumindest etwas über das gestrige Frauentreffen stehen; allein - es fiel aus, und zwar ohne daß man / frau es für nötig befunden hätte, mir Bescheid zu sagen.

Vielleicht der erbarmungslosen Hitze wegen. Ich weiß es nicht.

Auch Traudy konnte mir nicht weiterhelfen. Wie ich war sie jedoch der Meinung, ein wenig mehr Dynamik täte der Gemeinde gut. So läuft die Vorbereitung auf das Distrikttreffen in Young am 16. März sehr schleppend - und das bei meiner Ungeduld!

Am Abend dann Gewitter und Starkregen. Es folgte ein Temperatursturz auf jetzt nur noch knapp über 20 Grad; doch das läßt sich gut aushalten.

Heute Mittag geht es nach Nueva Helvecia.

Dieser dritte Blog endet mit der heutigen Eintragung. Am Montag schlage ich dann ein neues Kapitel auf.

Kommentare

Matinfari
Parcopa Come Assumere Priligy <a href="http://levicost.com">levitra 40 mga for sale mexico beach</a> Levitra Generic Propecia Kinderwens Shipped Ups Fluoxetine Online Cheap
Matinfari
Purchasing Discount Zentel In Internet With Free Shipping <a href="http://abtsam.com">viagra online pharmacy</a> Ou Acheter Du Cialis Sur Le Net Propecia Ayuda Generic Soft Viagra
Aaron
Chapeau für das Predigt-Gedicht!
Liebe Grüße, Aaron
Gast
Renate: Wie stellt sich die derzeitige Venezuela-Krise in Uruguay dar?
Christian Mü
Lieber Stephan, gerne habe ich deine Erkenntnis und Bewertung hinsichtlich der gemeindlichen Konzertangebote gelesen. So wünsche ich mir, dass dieses auch bei uns in Paulus gelingt bzw. einen Fortbestand hat. DIr weiterhin einen interessanten Studienaufenthalt.
LG Christian
Regine
Ich habe jetzt deine Berichte dieser Woche gelesen. Du kommst mit vielen sehr unterschiedlichen Menschen zusammen und allmählich bekomme ich einen kleinen Einblick in diese Art von Zweisprachigkeit bzw. Migrationskultur und wie die Menschen ihr Gemeindeleben überwiegend selbst gestalten. Deine Fragen an die Kirchenleitungsmenschen finde ich sehr interessant und bin gespannt auf die Antworten, die du bekommen wirst. Und wie war das Rudern auf dem Uruguay? Ich mag Flüsse, schwimme aber eher darin. Wie fühlt sich der Fluss an? Und die christlich-jüdische Zusammenarbeit finde ich auch sehr spannend.
Danke für deine ausführlichen, detailreichen Berichte. Auch über die Kuchen beim Frauenkreis.
Renate
Wie steht es eigentlich um die ökumenische Zusammenarbeit der uruguayischen Kirchen? Mit dem zuletzt erwähnten "Laden" findet da wahrscheinlich nichts statt.

Neuen Kommentar schreiben

Bildnachweise: